Seniorin beim Pedelec-Kauf
Kommentar Meinung

Kommentar: Gezielte Verunsicherung durch Unfallzahlen

Fahrsicherheitstraining Pedelec
Ein Pedelec bringt gerade auch älteren Menschen ein gutes Stück Lebensqualität zurück

[at] In der letzten Woche schreckte eine Meldung der Allianz viele Menschen auf, nach der für Pedelec fahrenden Senioren ein „doppelt so hohes Todesrisiko wie mit dem Fahrrad“ besteht. Redakteur H. David Koßmann vom Pressedienst Fahrrad erklärt die Hintergründe und kommentiert:

[pd-f/hdk] „Doppelt so hohes Todesrisiko wie mit dem Fahrrad“, schreibt die Allianz über E-Bike fahrende Senioren am 26.10.2015, das Magazin Focus etwa titelt daraus: „So tödlich sind Elektroräder“. Die Meldung fußt auf der Angabe, dass zehn Prozent der im Jahr 2014 tödlich verunfallten Radfahrer mit Motor unterwegs waren (39 von 396). 32 dieser Verkehrsopfer waren 65 Jahre alt oder älter.

So tragisch diese Zahlen im Einzelfall sind – denn jeder Verkehrstote ist einer zu viel –, sie verlören an Schlagzeilenpotenzial, erwähnte man, dass E-Bikes im gleichen Jahr ganze zwölf Prozent der in Deutschland verkauften Räder ausgemacht haben und vorwiegend von älteren Menschen gefahren werden. Zudem gibt das Statistische Bundesamt an, dass Senioren dreimal so häufig an den Folgen von Verkehrsunfällen sterben wie Menschen unter 65. Vergleicht man die Verkehrsmittel, mit denen Senioren im Straßenverkehr tödlich verunglückten, steht das Rad (inklusive Pedelecs) mit 22,9 % der Todesfälle sicherer da als das Auto (40,7 %) oder der Weg zu Fuß (25,2 %).

Insgesamt gab es laut Zweirad-Industrieverband (ZIV e. V.) Ende 2014 etwa 2,1 Millionen E-Bikes in Deutschland und mit großer Wahrscheinlichkeit gehören sie zu den häufiger und länger gefahrenen unter den 72 Millionen Fahrrädern in Deutschland. Setzt man also die eingangs zitierten Zahlen dazu in Relation, sind elektromobile Senioren keineswegs überrepräsentiert in der Statistik der jährlichen Verkehrstoten.

Fahrsicherheitstraining Pedelec
Bringt Sicherheit und macht Spaß: Fahrsicherheitstraining auf dem Pedelec (in grün: Alexander Theis)

Ohne Angaben zur Gesamtkilometerleistung der Mobilitätsgattung und ohne Betrachtung der Altersgruppen ihrer Nutzer, inklusive der durchschnittlich im Straßenverkehr zugebrachten Zeit, ist eine Aussage zur Gefährlichkeit eines Fahrzeugtyps eindimensional und kontextlos.

Schützen statt verunsichern

Bevor also große Stimmen wie die Allianz mit Halbwahrheiten Stimmung machen und für Verunsicherung sorgen, sollten sie sich vielleicht den Ursachen für die Verkehrsunfälle zuwenden. Die liegen nämlich noch immer überwiegend bei Regelverstößen anderer Verkehrsteilnehmer. Sicherer wird der Straßenverkehr für Radfahrer und Fußgänger nur dann, wenn weiterhin an den Rahmenbedingungen gearbeitet wird, die wachsende Zahl schwächerer Verkehrsteilnehmer durch eine angemessene und zeitgemäße Infrastruktur besser zu schützen.

So wie der pressedienst-fahrrad seinem Wesen nach das Gute am Radfahren betont, lebt eine Versicherung vom Geschäft Angst gegen Geld. Der Blick aufs ganze Bild allerdings macht deutlich: Grundsätzlich profitiert der Einzelne genauso wie die gesamte Gesellschaft von jedem Kilometer, der auf dem Fahrrad zurückgelegt wird. Radfahren macht die Menschen gesünder, leistungsfähiger und glücklicher. E-Bikes leisten dazu einen großen Beitrag, nicht zuletzt, weil sie einen Teil der älteren Bevölkerung wieder oder überhaupt erst in den Sattel bringen. Dass so Gesundheitsfolgekosten reduziert werden und Lebensqualität erhöht wird, darf man nicht aus dem Blick verlieren. Individuelle Energie und Lebensfreude aber lassen sich statistisch nur schwer erfassen.

[Text und Bild: pd-f.de]

Anmerkung:

Interessant ist in diesem Zusammenhang, das nach Auskunft des nordrhein-westfälischen Verkehrsministers Michael Groschek (SPD) im Rahmen einer Stichprobe ermittelt wurde, dass die erhöhte Nutzung von Pedelec auf deutschen Straßen zu keiner Erhöhung des Anstiegs von Fahrradunfällen führte. Von insgesamt 2628 Fahrradunfällen hätte es nur 113 gegeben, an denen ein E-Bike beteilgt war. Michael Groschek stuft diese Entwicklung als „nicht gravierend“ ein.

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Alexander Theis

Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VelΩstrΩm.
Alexander Theis

2 Kommentare

  1. Öffentliche Statistiken lassen immer Interpretationsmöglichkeiten zu. Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV/ Herr Brockmann) versucht seit Jahren für Pedelecs eine Haftpflichtversicherung über den Gesetzgeber zu erwirken. Hat schon mehrmals nicht gefruchtet aber der Versuch ist ja nicht strafbar. Deshalb wird mit der Formel „steter Tropfen höhlt den Stein“ weiter versucht unter Mitwirkung der Polizei, auf den Gesetzgeber Druck aus zu üben. Diese oder ähnliche Artikel verunsichern natürlich bisherige Autofahrer, welche mit dem Gedanken spielen, mit einem Pedelec die wenigen Kilometer mal im Sommer zur Arbeit zu fahren. Dies schreckt unheimlich ab. Diese Diskussionen habe ich schon des öfteren mit meinen Kollegen geführt. 98% lassen sich durch solche Artikel abschrecken und versuchen nicht mal, mit überhaupt einem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.
    In dem Link kann man auch die gezielte Ignoranz durch die Politik, in dem Fall Münster (Fahrradstadt?) in Bezug auf Radfahrer sehen. Die Bilder kann man sich durchaus ansehen und in der eigenen Stadt wieder finden.
    http://www.wn.de/Muenster/2102196-Fahrradhauptstadt-na-ja-Was-Radfahrer-in-Muenster-nervt

    1. Hallo Pedelecer,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und den Link zum Artikel zu Münster.

      Ergänzend möchte ich hinzufügen, das m.E. oft bei der Diskussion um das Gefährdungspotential von Pedelec darauf verwiesen wird, Pedelec seien sehr schnell und somit gerade von älteren Menschen kaum zu beherrschen. Dabei wird aber gerne vergessen, das die älteren Menschen zumeist jahrelang Autofahrer waren und mit weit höheren Geschwindigkeiten umzugehen wussten.

      Meine Erfahrung aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis zeig,t das Menschen die sich auf dem normalen Fahrrad unsicher fühlen meist erst gar nicht auf den Gedanken kommen, sich ein Pedelec zu kaufen.

      Aber die angebliche Gefährlichkeit von Pedelec ist kein typisch deutsches Problem, wie man an diesem Artikel über Belgien sieht.

      Mit pedelectrischen Grüßen
      Alexander Theis

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