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Fertig-Pedelecs Nachrüst-Pedelecs Test & Technik

Test Copenhagen Wheel

[at] Eines der ersten europäischen Copenhagen Wheels war bei VeloStrom zum Test. Wie es sich fährt könnt ihr im Folgenden lesen.

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Das Copenhagen Wheel war, eingebaut in ein Public V7, bei VeloStrom zum Test (Klicken zum Vergrößern)

Inhalt:

(1) Nachhaltig
(2) Drahtlose Steuerung
(3) Das Testrad: Public V7
(4) Lieferumfang
(5) Erstinbetriebnahme
(6) Dokumentation
(7) App…
(8) …und los
(9) Erster Fahreindruck
(10) Rekuperation
(11) Individuell, automatisch?
(12) Langsamer in der Ebene, schneller am Berg
(13) Die App im Detail
(14) Ohne App geht nix
(15) Fazit

Seit Ende August ist das Copenhagen Wheel offiziell in Deutschland und Europa erhältlich. Zuvor ging das nur über eine Bestellung über den Online-Shop von Superpedestrian, dem Hersteller des Copenhagen Wheel. Superpedestrian hat den Firmensitz jedoch in den USA und so war der Eigenimport schon etwas komplizierter.

Beim Gespräch auf der Eurobike 2017 erzählte mir der CEO von Superpedestrian, Assaf Biderman, dass dies auch ein Grund für die Expansion nach Europa gewesen wäre.

Die Komponenten des Wheels werden nach wie vor in den USA hergestellt, jedoch erfolgt die Konfiguration und das Einspeichen des Copenhagen Wheels in den Niederlanden, sagte Biderman. Superpedestrian verspricht eine Lieferzeit von etwa einer Woche.

Nachhaltig

Das Copenhagen Wheel wurde von Forschern des MIT (Massachusetts Institute of Technology) zum Weltklimagipfel 2009 in Kopenhagen vorgestellt. Es sollte eine Möglichkeit für einen nachhaltigen, individuellen Transport aufzeigen,  insbesondere für Bewohner von Städten.

Passend zum Nachhaltigkeitsansatz ist das Copenhagen Wheel als Nachrüstsatz für das Hinterrad konzipiert, im Gehäuse sind alle Bauteile sogar inklusive des Akkus integriert. Der Einbau gleicht dem Tausch eines Hinterrads, zusätzlich muss nur eine, überraschend zierliche, Drehmomentstrebe an der linken Kettenstrebe befestigt werden.

Somit muss nicht zwingend ein neues Rad gekauft (und vorher fabriziert und transportiert) werden, wenn der Wunsch nach einem Pedelec aufkommt. Es werden also Ressourcen geschont.

Im Jahr 2009 waren Nachrüstsätze insbesondere in Deutschland noch sehr beliebt, wenngleich sie auch verschiedentlich kritisch betrachtet wurden und werden. Ein Grund für die Beliebtheit war, dass das Angebot von Pedelecs sich meist auf eher konservative Modelle beschränkte. In der Zwischenzeit erlebt das Pedelec in Europa und Deutschland einen gigantischen Aufschwung und heute sind praktische alle Nischen des Radmarktes auch von Pedelecs besetzt. Das führte dazu, dass die Nachrüstsätze etwas an Bedeutung verloren.

Drahtlose Steuerung

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Günstige 7-Gang-Kettenschaltung am Public V7 (Klicken zum Vergrößern)

Das Copenhagen Wheel bietet jedoch mehr als andere Nachrüstsätze. Wie bereits gesagt sind alle Komponenten in einem Gehäuse verbaut. Das ermöglicht einen schnellen und unkomplizierten Umbau, da die Verkabelung der Komponenten untereinander entfällt. Und gerade diese Verkabelung kann, das weiß ich aus eigener Erfahrung, sehr zeitraubend sein.

 

Das Copenhagen Wheel verzichtet auf ein eigenes Display. Stattdessen wird das Smartphone des Besitzers als Schnittstelle genutzt, eine App stellt die Verbindung über Bluetooth Low Energy (BLE) zum Wheel her.

Auch hier wird der Nachhaltigkeitsgedanke wieder deutlich.

Das Testrad: Public V7

Das Copenhagen Wheel wurde zum Test von Superpedestrian eingebaut in einem Fahrrad des US-amerikanischen Herstellers „Public“ zur Verfügung gestellt.

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Mit 20,75 kg recht leicht für ein Pedelec (Klicken zum Vergrößern)

Es handelt sich um das Modell V7, ein hübsches, klassisch gestyltes, preiswertes Citybike mit 7-Gang Kettenschaltung und Felgenbremsen. Letzteres vor allem deshalb, weil es das Copenhagen Wheel (noch) nicht mit einer Scheibenbremsaufnahme gibt.

Das Rad ist inklusive des Copenhagen Wheels (allerdings ohne Beleuchtung) mit 20,75 kg für ein Pedelec sehr leicht geraten. Einen großen Anteil daran hat sicher der relativ kleine (und damit leichte) Akku.

Auch wenn es in diesem Testbericht um das Copenhagen Wheel geht: Das V7 ist kein schlechtes Rad für den gedachten Zweck. Die Sitzposition ist bequem und aufrecht, der Stahlrahmen flext angenehm, die Schaltung ist für Fahrten in der Stadt absolut ausreichend.

Die Schutzbleche, bei diesem Rad wörtlich zu nehmen, sind recht weit um die Räder herumgezogen, so dass der „Einferkelfaktor“ bei schlechtem Wetter angenehm gering ist. Auch die mechanischen Felgenbremsen greifen kräftig zu.

Die Fahrten auf Rügen zeigten, dass mit dem Rad auch gemäßigte Touren oder auch Waldwege kein Problem sind.

Der Lieferumfang

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Lieferumfang (Klicken zum Vergrößern).

Der Lieferumfang des Copenhagen Wheel ist umfangreich. Neben dem Front- bzw. Heckreflektor sind auch der passende Schlüssel zur Montage der Pedale sowie etwas Schraubensicherungslack für die Montage des vorderen Schutzblechs dabei.

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Knog-Klingel am Public V7, passt prima, oder? (Klicken zum Vergrößern)

Dazu die Dokumentation für das Rad, das Ladegerät, eine Kurzstartanleitung für das Wheel sowie eine Finn-Lenkerhalterung. Letzteres ist vor allem deshalb praktisch, weil das Wheel nur im Zusammenspiel mit einer Smartphone-App funktioniert.

Ich habe das Rad dann noch mit Speichenreflektoren und einer KNOG-Klingel, die übrigens ganz hervorragend zu dem Bike passt, nachgerüstet.

Überhaupt die Klingel: Der Ton dieses Teils… ich hätte den ganzen Tag klingeln können…

Aber zurück zum Thema:

Copenhagen Wheel, Erstinbetriebnahme

Superpedestrian hat das Rad, soweit sinnvoll, zerlegt um Stauraum zu sparen, Details zum Unboxing sind in diesem Artikel zu finden.

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Magnetisch gesicherte Klappe über der Ladebuchse nach EnergyBus-Standard (Klicken zum Vergrößern)

Nach dem Zusammenbau muss das Copenhagen Wheel erst einmal für 12 Stunden an den Strom, um den Akku erstmals komplett zu laden. Die Ladebuchse ist mit einer magnetisch gesicherten Klappe geschützt, der Ladestecker ebenfalls magnetisiert.

Es handelt sich dabei um den (ebenfalls magnetisierten) Stecker des EnergyBus-Standards, mit dem das Verpolen beim Laden ausgeschlossen ist: Sobald der Stecker richtig zu den Pins ausgerichtet ist, wird er magnetisch angezogen. Sehr praktisch und komfortabel.

Weniger praktisch, aber der Konzeption geschuldet: Der Akku des Copenhagen Wheel ist nicht entnehmbar. So muss das Wheel zum Aufladen immer in der Nähe einer Steckdose sein.

Während das Wheel an der Steckdose nuckelt, ist genügend Zeit sich der Startanleitung zu widmen.

Dokumentation

Die Doku zum Copenhagen Wheel lag nur in englischer Sprache vor. Sie erklärt ausführlich alles zum Einsatz des Rades und auch manches anderes, was wohl der amerikanischen Produkthaftung geschuldet ist.

Dabei irritiert, dass das Wheel zwar als wasserdicht beschrieben wird, jedoch Fahrten durch Pfützen vermieden werden sollen. Zwar regnet es bekannterweise in Kalifornien nie, doch in Massachusetts wohl schon eher mal. Aber vielleicht sind die Pfützen dort auch einfach nur tiefer als bei uns.

Vorwegnehmend kann ich sagen, dass Regen- und damit zwangsläufig verbundene Pfützendurchfahrten bei meinem Exemplar nicht für bleibende Schäden sorgten.

App…

Die Installation der App aus dem Play-Store (ich nutze ein Huawei P9-Lite mit Android 7.0) klappt erwartungsgemäß problemlos, ebenso wie die anschließende Registrierung mit Email-Adresse und Passwort. Mit beiden Angaben füttert man dann die App und sobald das Wheel per Bluetooth verbunden ist koppeln sich beide.

…und los

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LED’s zeigen am Wheel den Ladezustand an. Daneben: Ein-Aus-Schalter (Klicken zum Vergrößern)

Nach dem initialen Aufladen aktivere ich das Wheel am einzigen Schalter, der in der Nähe der Ladebuchse im silberfarbigen Bereich positioniert und durch eine kleine Erhebung gut zu ertasten ist.

 

Da sich der Schalter im Hinterrad befindet, muss man sich meist bücken um ihn zu erreichen. Und je besser man den Schalter fühlen kann, je weniger tief fällt der Bückling aus. Die Erhebung könnte jedoch meiner Meinung nach etwas größer ausfallen, damit wäre sie für größere Finger besser zu greifen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Nach Aktivierung blinken die fünf weißen LED rund um die Ladebuchse ein paarmal auf, bevor sie dann, konstant leuchtend, den Ladezustand des Akkus anzeigen.

Auf dem Smartphone habe ich Bluetooth und die App aktiviert, letztere beginnt beim Aufruf nach Copenhagen Wheels in der Umgebung zu suchen. Nach wenigen Augenblicken wird das Test-Wheel angezeigt, ein Tipp später ist die Verbindung hergestellt. Jetzt sind „meine“ App und „mein“ Wheel gekoppelt.

In der Praxis bedeutet das, dass sich das Wheel nur aktivieren läßt, wenn meine App bzw. das Smartphone in der Nähe ist. Ist dies nicht der Fall, kann das Rad „nur“ als normales Rad genutzt werden. Sehr praktisch, denn immerhin könnte dem Smartphone ja auch mal der Strom ausgehen.

Auf einen zusätzlichen Diebstahlschutz in Form eines hochwertigen Schlosses würde ich trotzdem nicht verzichten wollen. Deshalb habe ich am Testrad ein Hinterbauschloss aus meinem Fundus verbaut. Sieht vielleicht nicht ganz so elegant aus, ist aber gerade in der Stadt enorm praktisch.

Erster Fahreindruck

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Mit dem Copenhagen Wheel in Binz auf Rügen (Klicken zum Vergrößern).

Jetzt aber endlich los. Ich trete und zunächst macht das Wheel… nichts. Denn laut Dokumentation soll man bei der ersten Fahrt ein paar hundert Meter ganz normal fahren und dann ein paar Mal rückwärts treten um die Elektronik zu aktivieren.

Und tatsächlich: Nach knapp vier Umdrehungen rückwärts unterstützt das Wheel beim Vorwärtstreten. Und das sehr kräftig, denn ich habe mit „Turbo“ die stärkste der drei Unterstützungsstufen gewählt. Daneben gibt es noch „Standard“ und „Eco“. Außerdem noch „Exercise“: In dieser Stufe wirkt das Wheel als Bremse, lädt den Akku auf und ist damit perfekt zum Auspowern geeignet.

Die Unterstützung in „Turbo“ überrascht mich doch, sie ist sehr kräftig und bügelt auch größere Steigungen glatt. Natürlich auf Kosten der Reichweite: Bei der ersten Fahrt war der Akku nach rund 16 km nur noch zu wenigen Prozent gefüllt.

Doch Vorsicht vor voreiligen Schlüssen: Die Fahrt fand in sehr bergigem Gelände mit höchster Unterstützung statt und der Akku ist mit seinen 279 Wh rund ein Drittel so groß wie gängige Pedelec-Akkus.

Bei späteren Fahrten waren auch Reichweiten von rund 60 km möglich, doch wie das?

Rekuperation

Das Copenhagen Wheel ist ein getriebeloser Direktläufer, der beim Rückwärtsdrehen als Dynamo wirkt und den Akku wieder aufladen kann. Darüber hinaus erkennt die Sensorik  Bergabfahrten und beginnt schon bei Gefällestrecken von etwa 1% damit, dezent zu rekuperieren.

Das ist übrigens tatsächlich spürbar und kann auch beobachtet werden: Rollt man einen Weg abwärts sieht man auf der Tacho-Anzeige der App, dass man tatsächlich langsamer wird, ohne selbst zu bremsen! Es fühlt sich fast so an, als würde das Rad schlecht rollen, was jedoch nicht der Fall ist.

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Auch gemäßigte Waldwege sind machbar (Klicken zum Vergrößern)

Auch bei Fahrten über der Unterstützungsgrenze von 25 km/h zwackt das Copenhagen Wheel etwas Muskelkraft ab und nutzt sie zum Aufladen des Akkus.

Darüber hinaus kann man durch rückwärts treten bremsen und damit ebenfalls den Akku aufladen. Dabei ist es nicht nötig eine volle Umdrehung rückwärts zu treten: Sobald ein Pedal vom oberen Totpunkt aus nach hinten bewegt wird, wird gebremst. Je weiter die Bewegung nach hinten geht, je stärker. Wie stark dieser Effekt ist, also wie weit man das Pedal nach hinten bewegen muss um zu bremsen kann über die App eingestellt werden. Nicht jedoch die Stärke der Rekuperation.

Dazu Ryan Schneider, Product Manager bei Superpedestrian: „Zur Zeit ist es noch nicht möglich, beispielsweise basierend auf der Höhe der Geschwindigkeit oder dem Gefälle der Strecke die Stärke der Rekuperation bzw. des Bremseffekts zu regeln. Aber das ist etwas, das wir in zukünftigen Entwicklungen berücksichtigen können“

Ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt, mit diesem speziellen Rücktritt zu bremsen und mit ein wenig Übung und vorausschauender Fahrweise tatsächlich weniger die Felgenbremsen benötigt.

Allerdings ist diese Bremswirkung begrenzt: Wird das Rad bergab zu schnell, reicht die Rekuperation alleine nicht zum Bremsen aus. Bei steilen Abfahrten erlebte ich es mehrfach, dass sie gar nicht erst einsetzte. Vermutlich deshalb, weil bei hohen Geschwindigkeiten der Ladestrom stark ansteigt und damit den Akku schädigen würde.

Wann und wie viel Energie in den Akku fließt, ist in der App deutlich zu sehen: Der schwarze Balken der Akkuanzeige sowie die blaue Anzeige der eigenen aufgewendeten Kraft wechselt nach grün.

Hier der kurze Mittschnitt einer Fahrt:

Erfahrene Leser von VeloStrom wissen, dass ich dem Thema Rekuperation eher kritisch gegenüber stehe.

Doch beim Copenhagen Wheel ist das andes, weil es Sinn macht: Bedingt durch die relativ geringe Kapazität des Akkus von 279 Wh ist der Rekuperationseffekt, vor allem wenn alle drei Modi (Bremsen, Treten bei über 25 km/h und automatische Rekuperation bei Gefällestrecken) genutzt werden können, deutlich durch eine höhere Reichweite erfahrbar als es das beispielsweise beim 938Wh starken Akku des Stromer ST2S ist.

Individuell, automatisch ?

Besonders stolz ist man bei Superpedestrian darauf, dass sich die Sensorik des Copenhagen Wheel an die Fahrweise von Fahrerin oder Fahrer anpassen und so die individuell und vor allem den aktuellen Umständen entsprechend beste Unterstützung bieten soll. Dazu werden  über 100 Mal pro Sekunde Drehmoment-, Kraft-, Geschwindigkeits- und Pedalpositions-Werte erfasst und ausgewertet.

Und tatsächlich: Nach ein paar gefahrenen Kilometern hat das Wheel wohl meine Fahrweise „gelernt“. Erfolgte die Unterstützung bis zu diesem Zeitpunkt wie bei einem „normalen“ Pedelec, war sie danach ungewohnt harmonisch und sehr sensibel.

Das erste Mal fiel mir das an einer Steigung auf: Das Trittgefühl war wie bei einem konventionellen Rad, die Steigung zu „fühlen“, trotzdem verlor ich vergleichsweise weniger Geschwindigkeit. Ich kann es schlecht beschreiben, aber das Fahrgefühl gleicht wirklich sehr dem Fahren mit einem konventionellen Rad. Nur ist die „Grundgeschwindigkeit“ höher.

Langsamer in der Ebene, schneller am Berg

Die Unterstützungsgrenze bei Pedelecs endet, gesetzlich vorgeschrieben, bei 25 km/h, jedoch ist eine Abweichung von bis zu 10% erlaubt. In der Praxis unterstützen die meisten Pedelecs bis etwas über 25 km/h.

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Mit dem Copenhagen Wheel an der Seebrücke in Sellin auf Rügen (Klicken zum Vergrößern)

Wie bereits beschrieben knappst sich das Copenhagen Wheel bei Geschwindigkeiten über 25 km/h Leistung des Fahrers ab, um den Akku zu laden.

Das wurde mir besonders klar als andere Pedelec-Fahrer bei Geschwindigkeiten von knapp über 25 km/h in der Ebene langsam aber stetig davonzogen. Doch am Berg holte ich sie alle wieder ein und zog sogar locker vorbei.

Damit wird zweierlei deutlich: Superpedestrian hält sich erstens sehr genau an die gesetzlichen Vorschriften und das Copenhagen Wheel unterstützt am Berg sehr kräftig. Zweitens wird das Fahren über 25 km/h mit dem Wheel mühsamer als mit anderen Pedelecs. Denn man muss ja die Fahrwiderstände überwinden und lädt mit einem Teil der Kraft den Akku auf.

Direktläufer wie das Copenhagen Wheel sind an Anstiegen gegenüber Getriebemotoren prinzipiell im Nachteil: Durch das fehlende Getriebe können sie die Drehzahl nicht in dem für den Elektromotor effizientesten Bereich halten, werden warm und können im Extremfall wegen Überhitzungsgefahr abschalten.

In der Praxis jedoch hatte ich mit dem Copenhagen Wheel an keinem der Anstiege im Rheinhessischen Hügelland oder auf Rügen Probleme. Das liegt sicherlich aber auch daran, dass am Public V7 eine 7-Gang-Schaltung verbaut war, die ich natürlich auch genutzt habe. Mit einem Singlespeed wird das möglicherweise anders aussehen.

Die App im Detail

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Die App des Copenhagen Wheel in der Tacho-Ansicht (Klicken zum Vergrößern)

Die Montage des Copenhagen Wheel gestaltet sich auch deshalb so unkompliziert, weil weder Display noch Bedieneinheit verkabelt werden müssen. Beide Aufgaben übernimmt das Smartphone mit passender App, die für Android und iOS verfügbar ist.

Die App zeigt, nachdem sie sich mit dem Wheel verbunden hat, den aktuellen Ladezustand, die gewählte Unterstützungsstufe, die aktuelle Geschwindigkeit und die gefahrenen Kilometer an. Letztere beiden werden von einer kreisförmigen Anzeige umschlossen, die auf der linken Kreishälfte die gerade anliegende Leistung des Wheels und auf der rechten Kreishälfte die vom Fahrer oder Fahrerin erbrachte Leistung dynamisch visualisiert.

Per Fingerwisch nach oben oder unten wird die Unterstützungsstufe geändert, ein Tipp auf das Schloss-Symbol „schließt“ das Wheel ab. Ein zweiter Tipp darauf öffnet es wieder. Das klappte in der Praxis nicht immer beim ersten Mal, was jedoch auch an meinem Smartphone liegen könnte.

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Die App zeigt auch Strecken- und Leistungsprofil an (Klicken zum Vergrößern).

Doch die App kann noch mehr: Unter „trips“ werden die gefahrenen Routen gespeichert. Zeigt man eine Route an, kann man auf dem unteren Bereich des Displays sehr übersichtlich sehen, an welcher Stelle der Strecke welche Leistung je vom Wheel oder Fahrer erbracht und welche Geschwindigkeit damit erreicht wurde.

Was für manche nur eine nette Spielerei ist, kann für Menschen, die öfter die gleichen Strecken fahren, durchaus interessant sein.

Hinter dem Menüpunkt „Profil“ verbergen sich einige Konfigurationsmöglichkeiten. So kann man hier Benutzername und Kennwort festlegen, das Wheel für Freunde freigeben, die Stärke der Rekuperationsbremse festlegen oder Diagnosedaten einsehen.

Letztere Funktion ist auch mit einer Hilfefunktion versehen: Tippt man auf einen Fehlercode, werden Hinweise zur Lösung des Problems gegeben, zur Not kann man direkt aus der App den Support kontaktieren.

Gerade an dieser Möglichkeit sieht man, wie wichtig es Superpedestrian ist, Kunden bestmöglich zu unterstützen.

Dazu Assaf Biderman: „Wir haben eine sehr ausgeklügelte Selbstdiagnose implementiert. Beispielsweise erkennt das Wheel, wenn es auf der Seite liegt und deaktiviert den Antrieb. Damit schützen wir den Nutzer im Fall des Falles vor einem sich unkontrolliert drehenden Rad. Und nur wenn der Benutzer vorher ausdrücklich zustimmt, kann das Wheel nach einem bestimmten Zeitraum einen Notruf über unsere Server absetzen. Wir nennen das unser ‚Fahrrad-Immun-System’“

Die Reaktion der App auf die Seitenlage des Rades ist wirklich bemerkenswert flink, wie ich mehrfach getestet und ausprobiert habe.

Ohne App geht nix

Das Copenhagen Wheel benötigt zum Funktionieren die App und ein Smartphone. Dieses kann jedoch grundsätzlich auch nach der Aktivierung des Wheel in der Tasche verschwinden und sorgt damit für einen cleanen Look am Lenker. Doch dadurch wird zum Beispiel die Änderung der Unterstützungsstufe etwas umständlich.

Deshalb wäre es ja irgendwie ganz praktisch, wenn das Smartphone am Lenker befestigt werden könnte. Das ist auch Superpedestrian klar und deshalb lag dem Testrad eine Finn-Lenkerhalterung bei (die ich übrigens seit einigen Monaten gemeinsam mit der Halterung von Rubberman teste, ein Bericht folgt demnächst).

Am Lenker fixiert und während der Fahrt zeigt sich, dass die Anzeige der App  sehr übersichtlich und bedienfreundlich gestaltet ist. Zum Testzeitpunkt war es teilweise etwas frischer und so habe ich nun erstmals wirklich ernsthaft die smartphonefähigen Fingerkuppen der Sealskinz-Handschuhe schätzen gelernt.

Trotzdem war es mir für Kurzstrecken zu umständlich das Smartphone am Lenker zu befestigen. Ich verzichtete dann doch lieber darauf, beispielsweise die Unterstützungsstufe zu ändern.

Fazit

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Hochwertige und durchdachte Verarbeitung und erstklassiges Finish (Klicken zum Vergrößern).

Das Copenhagen Wheel von Superpedestrian ist ein faszinierendes Stück Technik und ein schönes Beispiel für gelungene Integration, zumindest solange man „Integration“ nicht mit „unauffällig“ gleichsetzt.

 

Denn gerade auch im dunklen Rahmen des Public V7 ist das Wheel ein Hingucker par excellance: Die gesamte Technik ist in der leuchtendem rot lackierten Nabe untergebracht, die Speichen sind elegant gekrümmt und an den Biegestellen mit Kunststoff geschützt.

Das gesamte Styling wirkt wie aus einem Guss. Da ehemalige Mitarbeiter von Apple zwischenzeitlich bei Superpedestrian arbeiten ist das wohl kein Zufall. Es macht Spaß im Straßencafé zu sitzen und zu beobachten, wie das Wheel von Passanten inspiziert wird. Gibt man sich als Besitzer zu erkennen ist die Neugier groß. Verständlich, mir ginge es nicht anders.

copenhagen_wheel_radtraegerAuch auf dem Heckträger am Auto stehend zieht das Copenhagen Wheel die Blicke auf sich: In der Schlange vor der Rügenfähre stieg ein Mann aus seinem Auto aus und betrachtete das Rad eingehend, das folgende nette Gespräch verkürzte uns beider Wartezeit auf die Fähre. An dieser Stelle: Grüße nach Erfurt!

Im Betrieb macht das Fahren mit dem Copenhagen Wheel Spaß: Die Unterstützung ist bei Bedarf kräftig, die Reichweite dem Anwendungszweck angemessen und der Umbau, bei passendem Rad, unkompliziert.

Besonders beeindruckt hat mich die clever gemachte Rekuperation: Das Bremsen per Rekuperation klappt intuitiv; erstmals habe ich tatsächlich eine fühlbare Reichweitenverlängerung erlebt.

Auch die Sensorik, das feinfühlige Ansprechen des Copenhagen Wheels nach der Anpassung an meinen Fahrstil, begeisterte mich. Ich bin gespannt, wie das die Testfahrer des Extra Energy e.V. empfinden, die das Rad ja nicht so lange fahren.

Beim Thema „Smartphone als Displayersatz“ sind meine Empfindungen dagegen ambivalent: Auf der einen Seite macht es die Montage unkompliziert und sorgt für einen „cleanen“ Lenker.

Auf der anderen Seite war die Koppelung via Bluetooth teils unzuverlässig: Oftmals musste ich das Wheel aus- und wieder einschalten bevor die Verbindung gelang. Jedoch könnte das auch an meinem Smartphone gelegen haben. Und wer unterwegs gerne das Smartphone als Tacho nutzt oder die Unterstützungsstufe ändern will, muss das Handy beispielsweise mit dem (mitglieferten) Finn-Halter am Lenker befestigen. Das kann, gerade bei kurzen Strecken, nervig sein.

Aus meiner Sicht ist das Copenhagen Wheel ideal für technik- und designaffine Stadtbewohner, die ein vorhandenes (felgengebremstes) Rad einfach und schnell zu einem Pedelec umrüsten wollen. Und sich darüber im Klaren sind, dass ohne Smartphone nichts geht. Und genau für diese Klientel ist es entworfen und gedacht.

Toll gemacht, Superpedestrian!

Auf der Website von Superpedestrian findet man übrigens einen prima Konfigurator und weitere ausführliche Informationen inklusive einer Chat-Funktion.

Mein Dank geht an Superpedestrian für das zur Verfügung gestellte Testrad.

[Fotos/Videos: VeloStrom]

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Alexander Theis

Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VelΩstrΩm.
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