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Sport

Matthias Schindler: Rückblick auf die ersten Rennen der Saison

Lesezeit etwa 10 Minuten

Paracycler Matthias Schindler befindet sich mitten in der Qualifikationsphase zur Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio. Hier berichtet er von den ersten Rennen der Saison.

“Am 25. April bin ich nach Italien gefahren, um mich dort intensiv auf die ersten Weltcup-Rennen der Saison vorzubereiten. Zu dieser Vorbereitung gehörte auch die Teilnahme an den beiden

Europacup Rennen in Verolanuova und in Parabiago.

schindler_verolanuova_zeifahren_startIn Verolanuova gewann ich am 27. April das Zeitfahren relativ deutlich in meiner Klasse. Im Straßenrennen einen Tag später fuhr ich lange in einer dreiköpfigen Spitzengruppe, von welcher ich mich in der letzten Runde lösen und auch dieses Rennen deutlich gewinnen konnte. Damit ging die Gesamtwertung dieses Europacups ebenfalls an mich.

Beim Europacup in Parabiago gewann ich ebenfalls beide Rennen deutlich. Beim Zeitfahren am 4. Mai fuhr ich knapp einen 46er Schnitt und gewann mit fast zwei Minuten Vorsprung auf Platz 2.

schindler_verolanuovaIm Straßenrennen attackierte ich bereits in der zweiten Runde und fuhr allein vor dem Feld. Diesen Vorsprung konnte ich bis ins Ziel halten und gewann ebenso wie in Verolanuova die Gesamtwertung dieses Europacups in meiner Klasse.

Das war für mich ein super Saisonstart mit vier Siegen aus vier Rennen und eine tolle Vorbereitung mit Blick auf die Weltcups. Ich konnte mein neues Material im Wettkampfbetrieb testen, fühlte mich gut vorbereitet und blickte sehr positiv auf die kommenden wichtigen Rennen.

Weltcup Corridonia

Gut vorbereitet bin ich am 6. Mai von Parabiago nach Corridonia zum ersten Weltcup angereist.

Leider waren die Begleitumstände in Corridonia nicht wirklich gut. Das Hotel war 20km vom Wettkampfort entfernt, die deutsche Mannschaft war auf zwei Hotels aufgeteilt, ich war in einer kleinen Herberge untergebracht in welcher es keine Verpflegung gab, mein Zimmer war ein ca. 8qm großes Raucherzimmer. Der Ankunftstag war mental nicht leicht.

Dann habe ich mich mit der Situation abgefunden und die Sache abgehakt. Es ist ja wie so oft im Leben, es geht darum, aus den Umständen und den eigenen Möglichkeiten das Beste zu machen. Nach einer Woche mit geöffnetem Fenster in dem Zimmer und täglichem Kaffee-Kochen, roch es beim check-out fast angenehm… 😉

Die Vorbereitung in Corridonia auf den ersten Weltcup verlief dann nach Plan. Die Strecke sah auf dem Papier mit dem Höhenprofil schon sehr anspruchsvoll aus. Viele sprachen von der anspruchsvollsten Strecke die jemals im Para-Cycling Sport zu fahren war. Auf eine 9km Runde kamen ca. 170 Höhenmeter und anspruchsvolle Abfahrten mit bis zu 20% Gefälle. Ich war bereit, mich dieser Herausforderung zu stellen.

Zeitfahren

schindler_corridoniaIm Zeitfahren am 10.5. konnte ich eine konstant gute Leistung bringen. Leider fuhr ich in einer Abfahrt etwas zu schnell und habe die anschließende Kurve nicht mehr richtig erwischt. Es wurde ein „Ausflug ins Grüne“, bei welchem ich allerdings nicht stürzte und direkt auf die Strecke zurückfahren konnte.

Ähnlich knapp war es, als ich genau in einem Kreisverkehr auf einen langsamen Sportler auffuhr. Im selben Moment in dem ich ihn außen überholen wollte zog er ebenfalls nach außen. Trotz Vollbremsung war es ganz eng, ist aber gerade noch gut gegangen. Ich musste die Runde 3x fahren und kam nach 27km und knapp über 500hm völlig ausgepumpt ins Ziel. Platz 4.

Zuerst war ich etwas enttäuscht, da ich eine Medaille verpasst hatte, dann überwog aber meine Freude über meine gute Leistung auf dieser anspruchsvollen Strecke und die dennoch gute Platzierung.

Straßenrennen

Motiviert durch die gute Leistung auf dem anspruchsvollen Kurs im Zeitfahren bin ich am 12.5. im Straßenrennen auf derselben Strecke in Corridonia gestartet. Es regnete in Strömen, die Strecke war nass und extrem rutschig. Es krachte von Beginn an im Feld und gab gerade in den Abfahrten und den schnellen Kurven immer wieder Stürze.

Am ersten Anstieg war ich in der Spitzengruppe, welche sich auf Grund des Tempos am Berg immer weiter verkleinerte. Ich fühlte mich sehr gut und oben am Berg waren wir nur noch zu viert. Ich konnte es selbst kaum glauben, auf dieser Strecke vorn dabei zu sein. Dann ging es ganz schnell. Der Franzose vor mir passte nicht auf, stürzte direkt vor mein Vorderrad und ich machte unsanft Bekanntschaft mit dem Asphalt. Ich fiel auf meine rechte Hüfte und war mir direkt nach dem Sturz nicht sicher, ob ich das Rennen beenden könne. Ich entschloss mich, weiter zu fahren.

In der nächsten Abfahrt lag der Franzose, welcher vor mir wieder auf dem Rad war, im Straßengraben und stieg aus dem Rennen aus. Ich hatte zwar Schmerzen, wusste aber, dass ich immer noch auf Rang 3 im Rennen lag, was mich motivierte. Allerdings fuhr das Verfolgerfeld relativ schnell auf mich auf.

schindler_fliegerIch hielt mich in der Verfolgergruppe, konnte aber in der letzten von 7 Runden nach über 1000hm das Tempo am Berg nicht mehr mitgehen. Ich wurde 6. im Straßenrennen, zeigte erneut eine starke Leistung stand aber wieder ohne Medaille da. Dafür hatte ich eine geprellte Hüfte und starke Schmerzen.

Ich muss zugeben, dass ich etwas gebraucht habe, um die Ereignisse vom Weltcup in Corridonia zu verarbeiten. Platz 4 und Platz 6 auf dieser anspruchsvollen Strecke ist für mich nicht schlecht, insgeheim habe ich aber natürlich gehofft schon eine Medaille holen zu können. Zudem hatte ich nur 5 Tage Pause bis zum nächsten, über 1500km entfernten Weltcup in Ostende und die Hüfte bereitete mir Sorgen. Ich verspürte deutlich Druck.

Weltcup Ostende

Dank meines Bruders war die Anreise nach Ostende sehr entspannt. Wir trafen uns in Bergamo am Flughafen. Mein Bruder fuhr meinen Opel Insignia GSI mit meinem gesamten Gepäck und Radsportmaterial von Italien nach Belgien. Ich flog ganz entspannt über Ibiza direkt nach Ostende und war bereits am Montag den 13. Mai mittags im dortigen Hotel.

Das Hotel in Ostende war top, hier war das deutsche Team bereits in den vergangenen Jahren beim belgischen Weltcup untergebracht. Daher war vor Ort alles vertraut und die Wege kurz. Ich habe mich in Ostende gut auf die Rennen dort vorbereiten können, während sich die Physios des deutschen Teams super um meine Hüfte gekümmert haben. Ich war bis zum Start des Zeitfahrens zwar nicht schmerzfrei, fühlte mich aber in der Lage eine gute Leistung abzurufen.

Zeitfahren

schindler_ostende_treppchenDas Zeitfahren am Freitag den 17. Mai lief für mich gut. Ich konnte zwar nicht meine gewünschte Durchschnittsleistung abrufen, fuhr dennoch ein starkes, sehr gleichmäßiges Rennen. Die flache Strecke lag mir, dass wusste ich. Ab der ersten von drei Runden führte ich das Rennen und ich gab diese Führung bis zum Ende des Zeitfahrens auch nicht mehr her. Platz 1 und Gold beim Weltcup in Ostende!

Der ganze Druck viel von mir ab. Die harte Arbeit der letzten Wochen und Monate hatte sich mit diesem Ergebnis gelohnt. Gerade nach dem Weltcupverlauf von Corridonia war es ein unbeschreiblich schönes Gefühl in Ostende ganz oben auf dem Treppchen zu stehen.

Straßenrennen

Am Sonntag den 19. Mai startete ich noch im Straßenrennen des Weltcups in Ostende. Leider regnete es wieder in strömen. Das Rennen war von Beginn an sehr schnell und ich musste alles investieren um mich in der Spitzengruppe zu halten. Zwei Briten gelang die Flucht und fuhren souverän vor dem Feld Richtung Ziel. Für unsere Gruppe ging es also noch um Platz 3. Ein Fluchtversuch von mir in der letzten Runde scheiterte kläglich. Es kam also zum Sprint.

Ich wurde 7., war erneut mit der Leistung zufrieden, die Platzierung war allerdings nicht das was ich mir auf der flachen Strecke erhofft hatte. Allerdings konnte ich angesichts der Goldmedaille vom Freitag damit sehr gut leben.

Danach war ich nach fast vier Wochen endlich wieder zu Hause. Diese Woche nutze ich als Pause, um mal richtig zur Ruhe zu kommen und mich psychisch und physisch zu regenerieren. Ich merke jetzt schon, dass mir das richtig gut tut. In diesem Jahr habe ich nochmal etwas mehr investiert um meine Leistung zu steigern. Es ist für mich wichtig und auch etwas beruhigend, dass ich bereits jetzt schon eine Goldmedaille bei einem Weltcup geholt habe.

Damit habe ich das zweithöchste Kriteriumslevel des DBS für die Spiele in Tokyo im kommenden Jahr erreicht.

Das höchste Kriteriumslevel wäre eine Medaille bei der WM im September. Derzeit bin ich, auch auf Grund der beiden Europacup Siege, Weltranglistenerster in meiner Klasse. Damit kann ich mir beruhigt eine Woche Pause gönnen.

Am 22. Mai war ich nach München ins Innenministerium zur Sportlerehrung der Bayerischen Polizei geladen.

Hier wurde ich vom Innenminister Joachim Herrmann für meine Erfolge der Saison 2018 geehrt. Es freut mich sehr, dass meine Leistungen im Para-Cycling auch auf dieser Ebene registriert und gewürdigt werden. Ohne dienstliche Förderung, ohne die Freistellung und Unterstützung des Freistaats Bayern und des Polizeipräsidium Mittelfrankens, wären diese Leistungen niemals möglich gewesen.

Ausblick:

Nach dieser kurzen Erholung startete ich wieder locker mit dem Training. Die WM ist im September, ich habe jetzt also drei Monate Zeit mich gezielt darauf vorzubereiten. Im Juni steht noch die bayerische Meisterschaft im Einzelzeitfahren sowie der Europacup in Köln auf dem Programm. Im Juli starte ich bei der Deutschen Meisterschaft in Elzach. Vor der WM in Emmen im September findet noch ein Weltcup in Baie-Comeau / Kanada im August statt. Darüber hinaus plane ich noch ein Höhentrainingslager zu absolvieren.

Mein Ziel ist es ganz klar, bei der WM in Emmen im September im Zeitfahren eine Medaille zu holen.

schindler_powerdotSeit Mitte April teste ich von PowerDot ein EMS bzw. NMES Gerät. Dieses habe ich von meinem Partner ACS Vertrieb zur Verfügung gestellt bekommen. Dieses Gerät hat in den vergangenen Wochen meine Regeneration auf ein anderes Level gehoben. Gerade in der Zeit in der ich ohne die Nationalmannschaft und somit ohne Physiotherapeuten unterwegs war, hat mir die PowerDot Massage extrem viel gebracht. Ich war erstaunt, wie gut und effektiv das Gerät funktioniert. Auch konnte ich hier deutlich den Unterschied meines Muskeltonus in den Beinen erkennen, da die beiden Seiten sehr unterschiedlich auf den elektronischen Reiz ansprechen. In der kommenden Zeit werde ich noch den Einsatz von PowerDot im Trainingsmodus testen.”

Soweit der Bericht des sympathischen Nürnbergers. Mehr Informationen gibt`s auf Facebook (www.facebook.com/schindlerparacycling/), Instagram (www.instagram.com/matthias_schindler_official/) sowie Twitter (www.twitter.com/schindlermatze).

[Text: Matthias Schindler, Fotos: Matthias Schindler (6), Fotogliso (1)]

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Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VeloStrom.de
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