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Interview

QualitÀt am E-Bike: Muss es Made in Germany sein?

Lesezeit etwa 6 Minuten

Ein E-Bike besteht aus etwa 2.000 Teilen! Wie steht es um ‚Made in Germany‘ als QualitĂ€tsmerkmal? 

Rahmen, RĂ€der, Lenker, Sattel und Pedale – fertig ist das Fahrrad? Eben nicht. Wie steht es um Made in Germany als QualitĂ€tsmerkmal? Und hĂ€lt der Fahrradboom an?

Ernst Brust, GrĂŒnder des renommierten PrĂŒfungsinstituts Velotech und Thomas Herzog, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Pendix, Antriebsspezialist und MarktfĂŒhrer bei der NachrĂŒstung von FahrrĂ€dern im GesprĂ€ch.

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Thomas Herzog, GeschĂ€ftsfĂŒhrer und MitgrĂŒnder von Pendix

Renn-, Lasten- oder Liegerad? Wie sind Fahrradprofis wie Sie eigentlich am liebsten unterwegs?

Thomas Herzog: Ich habe mir kĂŒrzlich eine Art modernes Hollandrad von einem unserer Partner zugelegt. Mir gefĂ€llt die Idee dahinter. Das niederlĂ€ndische Unternehmen Roetz sammelt Fahrradleichen von den Straßen und baut sie auseinander. Die funktionierenden Einzelteile werden verwertet, die Rahmen gesandstrahlt und neu lackiert. Mit neuen RĂ€dern, Satteln, Lenkern, halt allem, was ein Rad braucht, entstehen stylishe RĂ€der in klassischer Form. Das ist Upcycling im besten Sinn. Jedes Fahrrad ist ein Unikat. Ein bisschen retro, ein bisschen modern. Und vor allem nachhaltig.

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Ernst Brust, GrĂŒnder von Velotech

Ernst Brust: Bei mir steht eine kleine Fahrradflotte im Keller. Am liebsten fahre ich aktuell mit einem Faltrad, das ist optimal fĂŒr die Stadt. Auch wenn es so klein ist, ist noch immer Platz fĂŒr einen Pendix-Antrieb, der ist in meinem Alter schon manchmal nötig. Ein E-Bike, mit dem man auch Bus fahren kann – das muss mir erstmal jemand nachmachen. Aber ich habe natĂŒrlich noch mehr RĂ€der: Ein Lastenrad, mehrere RennrĂ€der. Die hole ich dann je nach Anlass raus.

Die Fahrradbranche boomt. Jedes Jahr werden mehr RĂ€der verkauft. Was denken Sie ĂŒber diese Entwicklung?

Ernst Brust: Na, fĂŒr mich als Fahrradenthusiasten ist es natĂŒrlich phantastisch. Ich finde die Entwicklung Ă€ußerst spannend und bin immer wieder erstaunt, was es an Fortschritt gibt, auch in puncto Sicherheit. In den 1950er und 60er Jahren war die Evolution des Fahrrads zum Stillstand gekommen, weil sich alle nur fĂŒr Autos interessierten. Ab den 80er Jahren kamen dann langsam Innovationen dazu. Sowas wie Mountainbikes mit gefederter Radgabel oder AlurĂ€der. Zu Beginn meiner Karriere habe ich noch FahrrĂ€der untersucht, bei denen beispielsweise die Schrauben keiner Norm unterlagen, das wĂ€re heute undenkbar. Und inzwischen sind ja sogar ABS-Systeme in Entwicklung, um die Sicherheit weiter zu erhöhen.

Thomas Herzog: Wir wollen auch nicht den Umwelt-Aspekt vergessen. Der Klimawandel ist RealitĂ€t. Wer mit dem Fahrrad fĂ€hrt, kann seinen Teil beitragen, dass auch kommende Generationen noch Freude an unserem Planeten haben. Heute gibt es ja fĂŒr jeden das passende Bike, egal ob mit reiner Muskelkraft betrieben oder mit elektrischer UnterstĂŒtzung. E-Bikes und normale FahrrĂ€der liegen in den VerkĂ€ufen inzwischen fast gleichauf. Ich glaube zwar nicht, dass E-Bikes herkömmliche RĂ€der komplett verdrĂ€ngen werden, dafĂŒr sind sie im sportlichen Bereich zu beliebt. Aber wer das Rad als Mittel zum Zweck nutzt, also um bequem von A nach B zu kommen, fĂŒr den sind FahrrĂ€der mit E-Antrieb optimal. Auch fĂŒr lĂ€ngere Strecken.

Und muss es fĂŒr Sie immer Made in Germany sein?

Ernst Brust: Der Begriff ist schwierig. Ein modernes Fahrrad besteht aus so vielen Einzelteilen – dass da jede Schraube, jede Feder und jede Spule in Deutschland hergestellt sein kann, halte ich fĂŒr unmöglich. Ich kenne kein einziges Unternehmen, das alle Komponenten komplett aus Deutschland bezieht. Made in Europe wĂŒrde besser passen. Bei FahrrĂ€dern aus anderen Teilen der Welt bin ich vor allem erstmal misstrauisch, wenn ich den Hersteller nicht kenne. Gute und schlechte Firmen gibt es ĂŒberall, deswegen wĂŒrde ich die QualitĂ€t eines Fahrrads nicht pauschal an dessen Herkunftsland messen wollen. Generell empfehle ich immer, sich gut beraten zu lassen und im Zweifel ein paar Euros mehr auszugeben. Denn wer billig kauft, kauft oft zweimal. Der Spruch bewahrheitet sich leider allzu oft.

Thomas Herzog: Das kann ich bestĂ€tigen, daher achte ich nicht nur bei Pendix immer auf QualitĂ€t. Wir setzen wo es geht auf regionale Zulieferer. Das ist auch der Grund, warum wir in Zwickau sitzen – hier profitieren wir von Synergien mit dem VW-Werk. Aber ohne internationale Partner funktioniert es nicht. Das hat Vor- und Nachteile. Die Lieferketten sind nicht mehr das, was sie waren. Auch wir mĂŒssen jetzt mehr im Voraus planen, die QualitĂ€t darf nicht leiden. FĂŒr mich geht das Made-in-Germany-Prinzip ĂŒber die eigentliche Fertigung hinaus. Es geht um die Auswahl hochwertiger Komponenten, möglichst kurze Lieferwege und faire Arbeitsbedingungen. So entsteht ein qualitatives Produkt.

Im Oktober 2022 ist die Johnson Electric Gruppe aus Hong Kong als strategischer Gesellschafter bei Pendix eingestiegen. VerÀndert sich nun die Ausrichtung?

Thomas Herzog: Nein, ganz sicher nicht. Johnson Electric hat Ă€hnliche QualitĂ€tsansprĂŒche wie wir. FĂŒr uns war von Anfang an klar, dass ein solcher Schritt nur mit einem Partner auf Augenhöhe und den gleichen Zielen funktioniert. Da Johnson Electric ein globales Unternehmen ist, erleichtert uns die Kooperation vor allem den Zugang zu Rohstoffen und Bauteilen. An den AblĂ€ufen Ă€ndert sich aber nichts. Wir produzieren weiterhin in Wilkau, arbeiten mit unseren langjĂ€hrigen Partnern zusammen und werden auch in Zukunft die gewohnte Pendix-QualitĂ€t abliefern.

Zum Abschluss ein Blick in die Glaskugel: Wird Deutschland zum Fahrradland?

Ernst Brust: Was die Industrie angeht mit Sicherheit. Das Auto ist out, das bekomme ich immer wieder mit. Viele Leute aus der Automobilbranche wechseln zu Fahrradherstellern, weil sie dort das Zukunftspotential sehen. Und fĂŒr viele junge Ingenieure ist das Fahrradbusiness inzwischen oft die erste Wahl. Bei der Verkehrsplanung sehe ich noch viel Luft nach oben, da haben LĂ€nder wie Holland oder Norwegen aktuell einen deutlichen Vorsprung. Die Kommunen mĂŒssten mehr investieren, ĂŒberdachte Fahrradwege zum Beispiel sind bei uns noch eine Seltenheit. Da das Autofahren in den InnenstĂ€dten immer weniger Spaß macht, wird die Zahl der Radfahrer wahrscheinlich automatisch zunehmen.

Thomas Herzog: Ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind. Solche Entwicklungen brauchen aber Zeit. Viele Menschen nutzen ihr Rad nicht mehr nur bei schönem Wetter und fĂŒr Touren, sondern als Verkehrsmittel zu jeder Jahreszeit. Die Leute fahren damit zur Arbeit, zum Einkaufen und sogar in den Urlaub. Es ist ein LebensgefĂŒhl, ein Lifestyle-Produkt. Und auch im Bereich der MikromobilitĂ€t – also der sogenannten letzten Meile – ist es auf dem Vormarsch. Wo frĂŒher Lieferanten in der zweiten Reihe die Straßen verstopften, sind heute vermehrt LastenrĂ€der unterwegs. In meinen Augen wird dieser Trend weiter zunehmen, die goldenen Jahre des Fahrrads haben gerade erst angefangen.

[Text: Pendix, Fotos: Pendix (1), Ernst Brust (1)]

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Alexander Theis
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