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Sport Über'n Tellerrand

Paracylcer Matthias Schindler: Rückblick, Verletzungspech und Ausblick

Lesezeit etwa 9 Minuten

Der Paracycler Matthias Schindler hatte einen super Start in diese Saison, konnte beim Weltcup in Ostende / Belgien die Goldmedaille im Zeitfahren gewinnen, holte zwei Europacup Gesamtsiege und war Ende Mai Weltranglistenerster. Nach dem reiseintensiven Frühjahr, hatte er sich sehr auf ein paar Wochen zu Hause gefreut.

Doch lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

“Von meinem Partner Autozentrum Hammer haben meine Frau und ich eine Einladung in das Chateau Kynsperk nach Tschechien für ein Wellnesswochenende erhalten, was wir sehr genossen haben. Ich konnte wieder Energie für die anstehenden Aufgaben sammeln und mich gut erholen. Im Anschluss habe ich das Training zu Hause wieder aufgenommen.

Leider habe ich mich bei einem Radtraining auf der Rolle verletzt.

Während eines intensiven Intervalls, hat mein Knie einen großen Ausschlag zur Seite gemacht, dabei schoss sofort ein starker Schmerz in mein linkes Knie. Ich konnte den darauffolgenden Tag kaum laufen und entschloss mich eine MRT Untersuchung machen zu lassen. Glücklicherweise war nichts Schlimmes passiert, ich hatte mir durch die seitliche Bewegung den Ansatz einer Muskelfaser gleich an der Kniescheibe abgerissen. Schmerzhaft, aber nicht weiter tragisch. So hatte ich die Erlaubnis der Ärzte, nach eigenem Schmerzempfinden zu belasten.

Bayerischer Meister im Zeitfahren

matthias_schindler_zeitfahrenKurze Zeit später stand die Bayerische Meisterschaft im Zeitfahren in Zeilitzheim auf dem Programm. Ich entschloss mich trotz zwickendem Knie, an dem Zeitfahren am 1. Juni teilzunehmen. Mein Plan war es, im Rennen vom Start weg etwas zu „überziehen“ um zu testen, wie das Knie reagiert. Das funktionierte gut, das Knie hielt und erstaunlicherweise ging ich auch zu Rennende nicht wirklich ein. Erstmals konnte ich den mehrfachen Paralympicssieger Michael Teuber in einem Zeitfahren schlagen und gewann dieses im Faktor gewertete Rennen. Damit bin ich Bayerischer Meister im Zeitfahren.

Am Pfingstwochenende fand der deutsche Europacup in Köln statt.

Auf denselben Strecken wurden in den letzten Jahren die Deutschen Meisterschaften ausgetragen, somit waren Zeitfahr- und Straßenrennstrecke bekannt. Da die „Taktik“ mit dem „Überziehen“ zu Beginn des Rennens in Zeilitzheim bei der Bayerischen Meisterschaft gut geklappt hat, war dies auch mein Plan für das Zeitfahren in Köln, obwohl das Knie keine Probleme mehr machte.

matthias_schindler_podiumAls letzter Fahrer meiner Klasse ging ich am Samstag den 8. Juni auf die Rennstrecke und fuhr mein schnellstes Rennen jemals dort. Zusätzlich stellte ich eine neue persönliche Bestmarke beim Durchschnittswattwert auf. Ich gewann auch dieses im Faktor gewertete Zeitfahren mit 37 Sekunden Vorsprung, trotz starker internationaler Konkurrenz vor Michael Teuber und dem Belgier Vromant.

Nach dem Sieg im Zeitfahren beim Europacup in Köln blicke ich auf eine starke Statistik in dieser Disziplin zurück. In diesem Jahr habe ich von 6 Zeitfahren 5 gewinnen können und bin einmal Vierter geworden. Die Fokussierung und Spezialisierung auf diese Disziplin scheint sich für mich weiter bezahlt zu machen.

Ein Tag nach dem Zeitfahren fand das Straßenrennen in Köln statt. Erstmals starteten auch dort alle Klassen gemeinsam auf dem kurzen Rundkurs im Stadtteil Longerich, wurden aber einzeln gewertet. Ich konnte mich in einem schnellen Rennen in der Spitzengruppe halten, in welcher das Tempo durch die Athleten der Klassen C4 und C5 sehr hoch gehalten wurde. Zwei Runden vor dem Ende attackierte ich und konnte mich vom Feld lösen. Der belgische Weltmeister Bosmans fuhr allerdings wieder zu mir auf.

matthias_schindler_podium_koelnIn der letzten Runde holte uns dann leider die Spitzengruppe des Feldes wieder ein, da hatte meine Kraft nicht ganz gereicht um den Vorsprung ins Ziel zu retten. Im Sprint wurde ich Dritter hinter besagtem Bosmans und Steffen Warias. Auf dem Podium standen dann der aktuelle Weltmeister (Bosmans), der aktuelle Paralympicssieger und Weltcupführende (Warias) und ich, aktuell Weltranglistenerster und Weltcupgesamtsieger aus 2018. Kein schlechtes Podium. Mich freut es sehr, dass ich auch im Straßenrennen bereits in der Lage bin, solche Rennen spannend mit zu gestalten.

Auf dem Rückweg nach Nürnberg haben meine Frau Siw und ich einen Stopp in Rheinbach gemacht. Dort hat uns das Monte Mare zu einem Erholungstag in ihren Wellnessbereich eingeladen. Nach dem erfolgreichen Rennwochenende in Köln war das eine schöne Belohnung und eine super Möglichkeit zur Regeneration für mich.

Am darauffolgenden Wochenende fand die Dealerausfahrt von Harley Davidson Nürnberg statt. Ich durfte wieder dabei sein und hatte einen super Tag mit dem Team meines Sponsors, sowie dem HOG Chapter Nürnberg, welches mich ebenfalls unterstützt. Ich habe für den Tag eine Forty-Eight bekommen, welche ich gar nicht mehr hergeben wollte. Ich bin sehr dankbar für den guten Kontakt zur Harley-Nürnberg-Familie.

Außenband und vorderes Syndesmoseband abgerissen

Im Anschluss war nochmal eine kleine Pause geplant, bevor das Training zum Saisonfinale hin wieder strukturiert aufgebaut und intensiver wird. Mit Freunden waren Siw und ich ein paar Tage im Zillertal. Leider rutschte ich auf einem Schotterweg kurz vor unserer Unterkunft aus und fiel unglücklich auf mein verdrehtes Bein. Der Schmerz war groß, ich verlor kurz das Bewusstsein.

Als die Dinge wieder klarer wurden wusste ich sofort, dass ich mich schlimmer verletzt hatte, als der Muskelfaserriss vor ein paar Wochen. Ich hatte enorm Sorge um mein Knie, welches am meisten weh tat. Ich wurde nach Schwaz ins Bezirksklinikum gebracht, wo ich gut versorgt wurde. Hier wurden Knie und Knöchel geröntgt und vom Knie zusätzlich ein MRT gemacht. Zurück in Nürnberg wurde vom Knie noch ein CT gemacht, MRT vom Knöchel und nochmal Röntgenaufnahmen unter Last vom Knöchel.

Nach diesen Untersuchungen stand fest, dass ich mir beim Sturz den linken Knöchel so stark verdreht hatte, dass das Außenband sowie das vordere Syndesmoseband abgerissen waren und ich mir durch die entstandene hohe Spannung im Unterschenkel unterhalb des Knies eine Fissur im Fibulaköpfchen zugezogen habe. Das positive daran, im Knie ist nichts wirklich schlimmes kaputt, die kleine Fissur heilt von allein wieder.

Leider ist der Syndesmosebandriss keine Kleinigkeit.

matthias_schindler_restartNormalerweise wird so eine Verletzung operiert. Diese Zeit habe ich nicht, da im Sommer noch die WM ansteht. Ich habe so hart dafür gearbeitet, durch ein gutes Ergebnis dort meine Chancen für eine Nominierung für die Spiele in Tokyo aussichtsreich zu gestalten. Daher habe ich mich mit dem Ärzteteam entschlossen, mein Sprunggelenk nicht operieren zu lassen.

Die Verletzung ist jetzt vier Wochen alt und ich bin mit dem Heilungsverlauf bisher sehr zufrieden. Durch Kraft- und PowerDot-Training konnte ich meine Fitness erhalten. Seit Beginn dieser Woche trainiere ich wieder so intensiv wie zuvor. Das funktioniert mit der Sprunggelenksorthese relativ gut. Auf dem Rad bin ich komplett schmerzfrei.

Würde ich eine perfekte Vorbereitung für eine WM beschreiben, wäre ein Syndesmosebandriss natürlich kein Teil davon. Ich denke aber dennoch, dass ich immer noch eine sehr gute Form habe und wenn die Verletzung weiter gut ausheilt ich im September auch eine gute WM fahren kann. Mich spornt dieser Rückschlag zur Zeit sehr an und ich versuche die Dinge die ich beeinflussen kann bestmöglich zu erledigen.

In meinem Motivationsvortrag zitiere ich Chuck Swindoll, welcher sagt, „das Leben bestehe zu 10% aus dem was Dir passiert und zu 90% aus dem, wie Du darauf reagierst“. Jetzt ist es an mir, meinen Fokus auf diese 90% zu legen.

Ein sehr guter Freund von mir sagte 2014, nachdem ich von der Klasse C2 in die Klasse C3 umklassifiziert wurde, „Du wählst mal wieder nicht den einfachen Weg, finde ich super“. Jetzt habe ich das Gefühl, wieder in einer ähnlichen Situation zu sein. Ich werde das Beste daraus machen, lerne viel und wünsche mir dennoch innerlich manchmal den einfachen Weg… 😉

Ausblick

Am 5. August werde ich mit der Nationalmannschaft nach Kanada fliegen um dort am letzten Weltcup der Saison in Baie-Comeau zu starten. Die Verletzung ist dann sieben Wochen alt und macht mir dann hoffentlich keine Probleme mehr. So der Plan.

Am 14. August komme ich aus Kanada zurück und am 17. August geht es für zwei Wochen nach St. Moritz ins Höhentrainingslager. Hier werde ich mich final auf die WM vorbereiten. Die WM findet ab dem 12. September in Emmen / Niederlande statt. Mein Ziel ist es nach wie vor, bei der WM in Emmen im September im Zeitfahren eine Medaille zu holen und damit das höchst mögliche Kriteriumslevel für die Paralympics im kommenden Jahr zu erreichen.

Stand heute bin ich Weltranglisten-Zweiter. Auch in dieser Liste würde ich gerne noch einen Platz gut machen.

Sponsoren und Ausrüster

PowerDot ist jetzt mein neuer Partner, was ich dem ACS-Vertrieb in Braunschweig verdanke. Der ACS-Vertrieb unterstützt mich bereits seit Jahren mit ROTOR Produkten und weitet jetzt die Zusammenarbeit auf PowerDot aus.
Dafür bin ich sehr dankbar. Toll ist, dass PowerDot vergangene Woche ein Softwareupdate herausgebracht hat, mit welchem jetzt eine „Tens“ (Anm. d. Redaktion: Transkutane elektrisch Nervenstimulation]  Behandlung möglich ist. Dies ist mit meiner aktuellen Verletzung natürlich Gold Wert und ich behandle meinen Knöchel damit regelmäßig.

Als weiteren neuen Partner darf ich Euch Censa vorstellen. Censa ist ein Centrum für Speichelanalyse. Ich habe bereits in der Vergangenheit bestimmte Hormonwerte überprüfen lassen. Gerade für mich als Sportler ist der Testosteronwert sowie der Cortisolwert sehr interessant. Auch das Verhalten der Hormone unter Belastung oder im Zusammenhang mit Eiweiß-Supplementierung kann durch Censa gut aufgezeigt werden. Das hilft mir bei meiner Trainingssteuerung, soll natürlich Übertraining verhindern und zeigt auf, wann ich wie Supplementiere um meinen Testosteronspiegel möglichst hoch zu halten. Infos zu Censa gibt hier: www.censa.de”

Aktuelle Infos gibt`s wie immer auf Facebook (www.facebook.com/schindlerparacycling/),
Instagram (www.instagram.com/matthias_schindler_official/) sowie Twitter
(www.twitter.com/schindlermatze).

 

[Text & Fotos: Matthias Schindler]

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Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VeloStrom.de
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