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Radsport: Matthias Schindler wird Vizeweltmeister im Zeitfahren bei der Para-Cycling WM in Emmen!

Lesezeit etwa 8 Minuten

Am vergangenen Sonntag hat Matthias Schindler nach 2018 zum zweiten Mal den Vizeweltmeistertitel im Zeitfahren der Paracycler errungen! Herzlichen Glückwunsch!

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Matthias Schindler: Vizeweltmeister 2019 der Para-Cycler (Klicken zum Vergrößern).

Mit dem Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft der Zeitfahrer ist der Nürnberger Matthias Schindler seinem Traum, bei den Paralympics 2020 in Tokio mit dabei zu sein, ein sehr großes Stück näher gekommen. Hier kommt sein sehr persönlicher Bericht über das vergangene Rennwochenende und seinen Erfolg.

Matthias Schindler:

“Am Sonntag den 08.09.2019 bin ich zur WM nach Emmen angereist. Das deutsche Team war im Van der Valk Hotel untergebracht, eine top Adresse, welche wir schon aus dem Vorjahresweltcup dort kannten. Das Team
bestand aus 22 Athleten und wurde von zwei Trainern, der Teammanagerin, zwei Physiotherapeuten, einer Ärztin, zwei Mechanikern, einem Fotografen und einem Journalisten betreut.

Den Montag und den Dienstag konnte ich gut zur Akklimatisierung und für leichtes Training nutzen. Ferner
habe ich mir die Rennstrecke für das Zeitfahren mehrmals ansehen können. Die Zeitfahrstrecke war uns
Athleten unbekannt, sie wurde im Vergleich zu den Vorjahresweltcups verändert.

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Para-Cycling-Team Deutschland (klicken zum Vergrößern)

Am Mittwoch stand die Vorbelastung auf dem Programm, bei welcher ich für wenige Minuten auf der Strecke im Renntempo gefahren bin. Das hat sich für mich alles sehr gut angefühlt. Ich habe mich frisch und fit gefühlt. Mittwoch Abend habe ich erfahren, dass meine Familie mich überrascht und nach Emmen gefahren ist um mich vor Ort bei der WM anzufeuern. Es kamen meine Frau, mein Vater mit einem meiner Brüder, sowie eine meiner Tanten mit ihrem Partner. Damit hatte ich nicht gerechnet, mich hat das sehr gefreut und für das Rennen am Donnerstag zusätzlich motiviert.

Mein Start für das Zeitfahren war am Donnerstag um 16:15 Uhr.matthias-schindler-start_zeitfahren

Meine Frau fuhr in meinem „Verfolgerauto“ mit dem Bundestrainer und einem Mechaniker mit, der Rest meiner Familie war am Streckenrand nicht zu überhören. Ich bin gut in das Rennen, welches über 3 Runden a 10,3 km ging, gestartet und die Aufregung wich bald den gewohnten Qualen. Schnell merkte ich, dass sich die Beine ganz gut anfühlten und ich durchaus zügig unterwegs war.

Nach etwas über 14 Minuten hatte ich die erste Runde geschafft und wollte diese Rundenzeit unbedingt noch für eine weitere Runde halten. Das gelang mir relativ gut, ich fuhr auch die zweite Runde in etwas über 14 Minuten und ging auf die letzte Runde dieses WM Rennens. Diese wurde unendlich lang. Ich habe es kaum noch geschafft mich irgendwo zwischendurch auf der Strecke zu erholen, die Runde schien nicht zu enden. Jetzt war es ein enormer Vorteil für mich, meine Familie an der Strecke und meine Frau im Auto hinter mir zu wissen. Echt krass, was das mental nochmal für einen Unterschied macht. Ich muss hier auch mal die anderen Athleten des deutschen Teams, teilweise auch mit Familie vor Ort, erwähnen, welche ebenfalls an der Strecke standen und mich anfeuerten. Das habe ich durchaus wahrgenommen. Ich weiß nicht ganz wie mir das gelungen ist, aber auch in der letzten Runde bin ich nicht komplett eingegangen und kam nach 42:27:14 Minuten mit einem Schnitt von 44,1 km/h ins Ziel.

matthias-schindler-exhaustet_zeitfahrenIm Ziel habe ich etwas gebraucht um mich zu erholen und um wieder halbwegs klar denken und kommunizieren zu können. Ich wusste, ich bin mein bestmögliches Rennen gefahren und hätte an diesem Tag nicht schneller unterwegs sein können. Es dauerte sehr lange, bis ich mein Ergebnis mitgeteilt bekommen habe.

Vizeweltmeister! Ich habe es wirklich geschafft und erneut eine Medaille im WM Zeitfahren holen können. Ich bin wie im Vorjahr in Italien auf Platz 2 gelandet. Das war für mich einfach eine riesen Freude und auch eine große Erleichterung. Weltmeister wurde der Australier David Nicholas, welcher eine Minute schneller war als ich. Zu schnell für mich an diesem Tag. Bei meinem Sieg im Zeitfahren beim Weltcup in Ostende im Mai war ich noch 1,5 Minuten schneller als er. Respekt David! Platz 3 belegte der Brite Ben Watson, mit dem ich mir schon des Öfteren ein Podium geteilt habe und welchen ich sehr schätze.

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Die UCI-Ergebnisliste der 2019er Para-Cycling-Straßen WM in der Klasse MC3 (klicken zum Vergrößern).

Der Vizeweltmeistertitel 2018 war für mich eine große Überraschung und sicherlich ein toller Moment. Der erneute zweite Platz in diesem Jahr toppt das für mich persönlich allerdings nochmal. Ich habe in diesem Jahr auf die Bahn Saison verzichtet um meinen Fokus auf das Zeitfahren zu setzen. Mit der Goldmedaille im Zeitfahren beim Weltcup Ostende wusste ich, dass ich bei der WM ganz vorne mitfahren kann. Auch der Sieg in Köln, wo ich sicher so stark wie nie zuvor war, hat mir richtig Selbstvertrauen gegeben. In diesem Jahr musste ich einfach eine WM Medaille machen, das war irgendwie eine andere Voraussetzung und den Druck habe ich deutlich gespürt. Dann kam die Verletzung Mitte des Jahres und alle Ziele schienen irgendwie zu weit weg. Dennoch habe ich immer an meine Chance geglaubt und habe hart für mein Comeback gearbeitet. Nach Platz 5 im schweren Weltcupzeitfahren im August in Baie-Comeau wusste ich, dass ich wieder ganz nah dran war.

Der 2. Platz bei der WM ist für mich ein GEWINN. Ich sehe hier nicht den verpassten Weltmeistertitel, sondern die Wiederholung des großen Erfolges vom Vorjahr, trotz schwierigem Saisonverlauf. Nach einem schönen Abend mit meiner Familie habe ich mich am Freitag etwas erholen können, bevor am Samstag noch das Straßenrennen der WM auf dem Programm stand.

matthias-schindler-strassenrennen_emmenDie UCI hatte entschieden, dass die Klassen MC1 bis MC3 in diesem Rennen zusammen starten um ein größeres Feld zu bekommen. So gingen wir Samstag mit 71 Athleten mit unterschiedlichen Behinderungen an den Start. 12 Sportler sollten das Ziel nicht erreichen. Es krachte gefühlt in jeder Runde, ich bin aber von einem Sturz verschont geblieben. Das Streckenstück durch den Park konnte ich leider nicht so schnell wie die anderen Topfahrer aus meiner Klasse fahren und hatte jede Runde ein Loch zur Spitze, das ich wieder schließen musste. Das gelang mir zwar jede Runde, dennoch hat das so viel Energie gekostet, dass ich selbst keine Attacke setzen konnte.

Ich ging mit der Spitzengruppe in den Zielsprint, war aber so richtig chancenlos. Am Ende wurde ich zwölfter und bin einfach nur froh, dieses Rennen heil überstanden zu haben. Das hat leider nicht jeder geschafft.

Einen herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle an meinen Teamkollegen Steffen Warias, der sich nach einer starken Leistung den Weltmeistertitel sichert.

Jetzt bin ich wieder gut zu Hause angekommen und bin meinem Traum von der Teilnahme an den Spielen in Tokyo im kommenden Jahr ein Stück näher gekommen. Mit der Silbermedaille habe ich das höchste Qualifikationskriterium des Deutschen Behindertensportverbandes für die Teilnahme erfüllt. Neben mir erreichten noch 6 weitere Männer dieses Qualifikationskriterium bei der WM. Entscheidend wird noch das Abschneiden der deutschen Männer bei der Bahn WM im Januar 2020 sein, welches ebenfalls noch zur Qualifikation für Tokyo zählt.

Mit meinem Vizeweltmeistertitel bin ich allerdings sehr zuversichtlich und bereite mich dementsprechend auf die kommende Saison vor.

Ende der Woche fahre ich mit meiner Frau Siw in den lang ersehnten Jahresurlaub. Mitte Oktober werde ich dann mit der Vorbereitung auf die Saison 2020 beginnen. Bereits Ende Oktober werde ich für ein paar Tage zum Trainieren auf Mallorca sein.

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle meine Partner welche mich in diesem Jahr unterstützt haben. Allein wäre dieser Erfolg niemals möglich gewesen. Für mich ist die Silbermedaille ein Teamerfolg. Wir sind Vizeweltmeister!

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Vielen Dank für die treue Unterstützung!

Ein großes Dankeschön auch an den BVS-Bayern und den DBS für die tolle Unterstützung sowie an Der
Goldene Ring und die Deutsche Sporthilfe!”

Hier der Link zu einem Bericht der Sportschau zur WM in Emmen: https://www.sportschau.de/weitere/parasport/video-para-rad-wm-teuber-und-schindler-gewinnen-silber-100.html

Mehr Infos gibt es auf Facebook (www.facebook.com/schindlerparacycling/), Instagram (www.instagram.com/matthias_schindler_official/) sowie Twitter (www.twitter.com/schindlermatze).

[Text: Matthias Schindler, Fotos: Oliver Kremer (sports.pixolli.com), UCI]

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Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VeloStrom.de
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