Bild von Sattel und Cockpit
Nachrüst-Pedelecs Stil & Design Test & Technik

Test: Creme Cafe-Racer mit Sunstar S03 Pedelec-Antrieb

Creme Cafe-Racer von rechts
Das Creme Cafe-Racer, ein Traum in blau

[at] Seit etwa Mitte 2012 ist ein Pedelec-Tretlagermotor zum Nachrüsten der japanischen Firma Sunstar in Deutschland verfügbar. Vom Berliner Elektrofahrrad-Shop „Bikenest“ kam ein nachgerüstetes Rad zum Test.

Bei dem Rad handelt es sich um ein Café Racer der polnischen Radschmiede „Creme“, deren Markenname eine Abkürzung für „CREative MEans of transportation“ ist, was auf deutsch in etwa „Kreatives Mittel zum Transport“ bedeutet. Wie alle anderen Creme-Räder, die in Europa entwickelt und handgefertigt werden, ist das Café Racer eine rollende, stilvolle Liebeserklärung an Material, Details und Handwerkskunst.

Das Testexemplar, lackiert in einem betörenden Metallic-Blau, bringt die grazile, zeitlose Eleganz des gemufften Stahlrahmens bestens zur Geltung. Vor den Unbilden der Straße schützen lackierte Schutzbleche, deren Name wörtlich zu nehmen ist; das rechte Hosenbein wird von einem ebenfalls aus lackiertem

Detailbild der Muffe am Sattelrohr
Schön gemacht: Rahmenmuffe am Sattelrohr

Stahlblech gefertigten Kettenschutz vor möglichem Fettschmutz bewahrt. Moderne Details wie im Rahmen verlegt Züge oder die formschönen und gleichzeitig handschmeichelnden Schnellverschlüsse am radial gespeichten Vorderrad und der Sattelstütze stören in keinster Weise die klassisch anmutende schmale Silhouette, wie sie so wohl nur mit einem Stahlrahmen realisiert werden kann.
Der Sattel aus Wild- und das gelochte Brooks-Lenkerband aus Glattleder verstärken, gemeinsam mit den verchromten Hohlkammerfelgen, den Seitenzugbremsen und den Weisswandreifen von Schwalbe das klassische Erscheinungsbild des Rades, so dass die bewährte und robuste Shimano Dreigang-Nabe praktisch nicht auffällt. Das ein Fahrrad umso schöner ist, je weniger dran ist, wird hier durch die fast völlige Abwesenheit von Reflektoren und das absolute Fehlen einer Beleuchtung einmal mehr deutlich. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, gehört das Café Racer zu der Sorte Fahrrad, bei der man immer wieder gerne länger im Radkeller verweilt um immer neue Details und Blickwinkel zu entdecken.

Bild der Dreigang-Nabe von Shimano
Shimano Dreigang-Nabe: Mittlerweile auch schin fast klassisch

Doch genug gekuckt, jetzt wird gefahren! Die Sitzposition ist entspannt und aufrecht und sorgt für eine gute Übersicht; so in etwa muss man auf Vaterland-Rädern gesessen haben. Das lederne Lenkerband liegt besser in der Hand als gedacht, dank fehlendem Rücktritt kann man die Pedale wie gewohnt in die passende Startstellung bringen. Zunächst lasse ich den Motor aus; ich bin schon eine geraume Weile keine Dreigang-Nabenschaltung mehr gefahren und möchte erst mal sehen, was damit geht. Erstaunlich wie leicht und schnell sich die Gänge wechseln lassen, die Tretpause kann sehr kurz ausfallen. Das hatte ich von früher ganz anders im Gedächtnis. Der Café Racer beschleunigt spritzig, der nicht aktivierte Motor ist kaum zu spüren. Im Nu ist die Hauptstraße erreicht und ich ziehe beherzt an den Bremshebeln, immerhin sind ja „nur“ Seitezugbremsen verbaut. Doch die bremsen weit besser als gedacht! Eigentlich kein Wunder: Es handelt sich hier um Exemplare mit aktueller Technik aus dem Radrennsport und sind in Dosierbarkeit und Wirkung um Lichtjahre von den Seitenzugbremsen früherer Jahre entfernt.

Während ich einigen Autos die Vorfahrt lasse, aktiviere die Elektrounterstützung:  Griffgünstig rechts oben am Akku, der an den Gewindeösen des Trinkflaschenhalters montiert ist, findet sich der Hauptschalter, der mit einer grünen LED über den Betriebszustand des Systems informiert. Mit seiner Hülle aus gebürstetem Aluminium geht der Energiespeicher fast als überdimensionierte Themosflasche durch und hilft durch seine schwerpunktgünstige Einbaulage, das Zusatzgewicht des Rades zu kaschieren. Später beweist der Tragetest in den Keller, dass dies gut gelungen ist: Weder behindert eine Heck- noch eine Frontlastigkeit das Tragen des ca. 19,3 kg schweren Rades.

Jetzt noch ein kurzer Druck auf die „On“-Taste des am Lenker montierten, übersichtlichen Bedienpanels, und das System ist mit Unterstützungsmodus „Normal“ scharfgeschaltet.

Übersichtlich: Bedienpanel des Pedelec-Antriebs
Übersichtlich: Bedienpanel des Pedelec-Antriebs

Der letzte PKW ist vorbei, los geht`s! Gewohnt an Antriebe mit Trittsensor, die erst nach gut einer Pedalumdrehung unterstützen, überrascht mich der Antritt des über Drehmomentsensoren gesteuerten Sunstar-Motors: Schon bei leichtem Druck auf das Pedal unterstützt der Motor kraftvoll mit leicht mahlenden Geräuschen und spannt schon beim Anfahren die Muskeln. Das macht richtig Laune und ruckzuck sind die drei Gänge der Nabenschaltung durchgeschaltet. Durch den relativ langen Nachlauf läuft der Café Racer schön ruhig geradeaus; das gibt mir Gelegenheit mich in Gedanken etwas mit dem nachgerüsteten Mittelmotor zu beschäftigen.

Der Pedelec-Antrieb S03+ von Sunstar ist an praktisch jedem Rad nachrüstbar, das über einen Tretlagergehäusedurchmesser zwischen 33,8 und 34,2 mm und eine Tretlagergehäusebreite zwischen 68 und 72 mm verfügt sowie keine hervorstehenden Teile am Tretlagerhäuse aufweist. Der Motor selbst ist lediglich über drei Steckverbindungen mit Akku, Bedienpanel und Geschwindigkeitssensor verbunden, was die Montagearbeiten erleichtert. Beim Einschalten des Systems ist der Unterstützungsgrad auf „Normal“ eingestellt, der Motor verdoppelt also die aufgewendete Pedalkraft. Insgesamt gibt es drei Unterstützungsmodi: „Eco“ mit 75%, „Normal“ mit 100% und „Turbo“ mit 150%iger Unterstützung.  Der Hersteller gibt als Reichweite jeweils maximal 54 km bei „Eco“, 43 km bei „Normal“ und 21 km bei „Turbo“ an, natürlich immer in Abhängigkeit von diversen Faktoren wie Gesamtgewicht, Gegenwind, Steigung oder Außentemperatur. Die Steuerung des Antriebs erfolgt über das am Lenker montierte Bedienpanel, welches durch gute Übersicht und Bedienbarkeit glänzt: Ein Folientaster zum Ein-, einer zum Ausschalten des Systems, ein dritter zum Wählen der dreistufigen Unterstützung (75%, 100%, 150%), dazu eine recht grobe Ladezustandsanzeige, das war`s. Ein wohltuender Gegensatz zu dem von vielen Anwendern als recht kompliziert gescholtenen Bedienpanel des beliebten Boschmotors. Wobei die Genauigkeit der Ladezustandsanzeige ruhig etwas verlässlicher sein könnte:

Bild der Ladezustandsanzeige am Akku
Ladezustandsanzeige am Akku: Genauer als am Bedienpanel

Ihr Pendant am Kopfende des Akkus, welche nach Druck auf einen kleinen Taster über den aktuellen Ladezustand der Energiequelle informiert, ist deutlich genauer, aber während der Fahrt schlechter erreichbar.

So, genug eingefahren, jetzt will ich mal sehen, was geht. Bevor ich den ersten Anstieg auf meiner Testrunde erreiche schalte ich die Unterstützung auf „Turbo“ und das Café Racer macht seinem Namen alle Ehre: Der Motor schiebt noch etwas kräftiger an und die ganze Fuhre locker den Anstieg hoch. Der Sunstar-Motor darf, wie alle anderen Pedelec-25-Motoren nur bis maximal 25 km/h unterstützen, damit ein solchermaßen nachgerüstete Rad noch als Fahrrad gilt. Die Information über die gefahrene Geschwindigkeit holt sich das System über einen Geschwindigkeitssensor. Dieser ist beim Testrad von „Bikenest“ an der linken Kettenstrebe montiert und meldet die vom, zum Stil des Rades passend verchromten, Speichenmagneten übermittelte gefahrene Geschwindigkeit an die komplett im Motorgehäuse

untergebrachte Elektronik. Auf der dauffolgenden Gerade unterstützt der Antrieb laut Tacho bis etwa 28 km/h, so dass mit dem Rad auch die ein oder andere Überlandtour möglich ist. Die aufrechte und bequeme Sitzposition erlaubt dabei ein prima Sightseeing, diverse Frost- und Wurzelaufbrüche auf dem Radweg sorgen jedoch dafür, das ich an der dem Rahmenmaterial Stahl nachgesagten Flexibilität zweifele. Dazu muss ich aber sagen, dass ich sonst vollgefederte Räder bewege und insofern wohl etwas verwöhnt bin.

Also Geschwindigkeit raus und gedanklich auf Cruising-Modus schalten. Zwischenzeitlich habe ich den nächsten Ort durchquert, und auf dem leichten Anstieg am Ortsausgang überhole ich still vor mich hingrinsend einen schnaufenden Mountainbikefahrer. Der würdigt mich keines Blickes… Auf der jetzt folgenden langen und rasanten Abfahrt mit locker bis zu 50 km/h zeigt sich der gemuffte Rahmen des Café Racers als verwindungssteif und stabil. Ich bin mit einem Rucksack unterwegs, mit Gepäck am Heck (die Gepäckträgermontage ist durch Gewindeösen am Rahmen problemlos möglich) wäre das möglicherweise anders. Jedoch würden Gepäckträger und -taschen die „cleane“ Optik des Rades nachhaltig verhageln.

Die über Jagwire-Bowdenzüge in Stahflexoptik betätigten Bremsen fangen die Fuhre vor dem nächsten Kreisel zuverlässig ein, und weiter geht es über die hügelig

Detailaufnahme von Sattelrohr und Sattelstreben
Jagwire-Züge in Stahlflexoptik

verlaufende Straße durch ein Neubaugebiet. Die Straße ist nass und ich bin über die wirkungsvollen Schutzbleche froh, da Baustellenfahrzeuge die Straße ordentlich „geerdet“ haben. Langsam nähere ich mich der Schlüsselstelle meiner Testrunde: Einer bis zu 11% steilen, langen Steigung, die praktisch ohne Schwung direkt aus einem Kreisel heraus angefahren werden muss. Ab einer Entfaltung kleiner etwa 250cm spricht man von Bergtauglichkeit und natürlich ist die am Café Racer verbaute Nexus-Dreigang-Nabe hier mit ihrer Entfaltung von 412cm , 564cm und 767 cm weit von einem solchen Wert entfernt. Aber gerade in dieser Konfiguration kann der Pedelec-Motor zeigen was er kann. Und das tut er: Mit bis zu 13 km/h schiebt er uns den Berg hinauf, auch wenn die Belastung auf meinen Knien recht hoch ist; müsste ich die Strecke öfter fahren würde ich mir deshalb eine leichtere Übersetzung wünschen.

Dieser Testabschnitt bestätigt eindrucksvoll die von Sunstar angegebenen technischen Daten des Motors:
Als Dauerleistung wird ein Drehmoment von 11 NM angegeben, das, für einen Elektromotor typisch, ab der ersten Umdrehung anliegt.  Zum Vergleich: Der (Verbrennungs-) Motor einer 125er Vespa LXV bietet laut Herstellerprospekt 9,6 NM bei 6.500 Umdrehungen pro Minute. Das Gewicht des Sunstar-Motors liegt nach Herstellerangabe bei etwa 3,2 kg, die durch die Einbaulage in der Fahrzeugmitte konzentriert sind. Das Design des Motors fügt sich dabei mit seinen runden Formen relativ unauffällig in das Gesamterscheinungsbild des Fahrrades, ist jedoch etwas aufälliger als ein Hinterradnabenmotor.

Aufnahme des Tretlagermotors von links
Motorgehäuse und schwarz: Gefällig Form, doch etwas auffälliger als ein Hinterradantrieb

Am Ende der Steigung zeigt die Ladeanzeige am Lenker nichts mehr an, am Pendant am Akku leuchte noch eine LED, genug um noch mit Unterstützung nach Hause zu kommen. Jedoch schalte ich vorsichthalber die Unterstützung auf „Normal“ zurück.

Fazit:

Durch Styling und Finish ist das Cafe-Racer ein echter Hingucker, nicht nur für radaffine Menschen. Durch die Dreigang-Nabe wird der Einsatzbereich aber auf eher flaches Gelände beschränkt. Die Geometrie des Rahmens macht das Rad wendig und flink, also ideal für den Stadtverkehr. Die entspannte Sitzposition sorgt dabei für gute Übersicht. Der Pedelec-Nachrüstsatz von Sunstar passt dazu ideal: Er hilft mit seinem kräftigen Antritt beim Ausnutzen der kleinsten Lücken in der Blechschlange, die übersichtliche Bedieneinheit des Systems stellt den Benutzer vor keinerlei Rätsel. Gewicht und schwerpunktgünstige Lage des Pedelec-Nachrüstsatzes machen Treppen nicht zu einem unüberwindlichen Hindernis. Durch die Auslegung als 24-Volt-System ist die Akkuleistung für den Stadtverkehr ausreichend. Zwischenzeitlich ist ein 36-Volt-System lieferbar, jedoch nur in Verbindung mit einem Gepäckträger-Akku .

Weitere Informationen sind bei www.bikenest.de, beim Hersteller des Pedelec-Systems Sunstar und beim Hersteller des Rades www.cremecycles.com zu finden.

Alexander Theis

Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VelΩstrΩm.
Alexander Theis

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