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Meinung Über'n Tellerrand

Carbon: Leichtbau um jeden Preis?

Lesezeit etwa 10 Minuten

[at] Wenn es um maximalen Leichtbau geht führt offenbar kein Weg am Carbon vorbei. Doch stellt sich insbesondere beim ökologischen Verkehrsmittel Rad die Frage, ob Leichtbau um jeden Preis sinnvoll und vor allem vertretbar ist.

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Rad mit Carbonrahmen, -sattelstütze und -sattel (Klicken zum Vergrößern)

In 2013 gegründet, machte sich “Pole Bicycles” mit seinen eines Evolink Bikes zügig einen Namen und heimste Ruhm und Ehre ein. Der Rollout eines Carbonrahmens sollte der nächste logische Schritt sein, das Sahnehäubchen auf der Modellpalette sozusagen.

Im Januar 2017 besuchte Leo Kokkonen, Gründer von Pole deshalb China auf der Suche nach einem Rahmenhersteller. Dieser Besuch war der letzte Schritt eines seit 2 Jahren laufenden Projektes zur Herstellung eines MTB mit Carbonrahmen.

“Es war nicht nur ein Problem, da gab es viele.” sagte er, als er sich mit brennenden Lungen von einer einfachen Fahrt außerhalb von Dongguan, China, erholte, während die Kohlekraftwerke eine dunkle Wolke über der Industriestadt verursachen.

In der Fabrik die seine Rahmen herstellen sollte, konnte Kokkonen sehen wie viel Wasser, Strom und menschliche Arbeit es braucht, um Carbon herzustellen und in die gewünschte Form zu  bringen. Von der Arbeit mit giftigen Harzen und dem Abfall ganz zu schweigen:

“Wir wissen, dass die Carbonfaser nicht recyclebar ist, aber unsere Idee war die Herstellung von etwas Unzerstörbarem, so dass wir wenigstens die Lebensdauer unseres Produktes erhöhen könnten,” sagte Kokkonen. Doch als er die Frage aufbrachte, was die Firma mit dem beim Herstellungsprozess abfallenden Carbon machen würde (ungefähr ein Drittel Carbon wird bei der Rahmenherstellung weggefräst) – war er doch von der Antwort schockiert: “Man sagte mir, die Carbonreste werden in den Ozean gekippt.”

Kokkonen ist nicht die erste Person der Fahrradindustrie, der die Auswirkungen auf die Umwelt durch die Carbonherstellung in Frage stellt. Das vielfach verwendete Aluminium kann einfach wieder eingeschmolzen und weiter verwertet werden, jedoch die Ursache der Materialvorteile des Werkstoffs Carbon – die mikroskopisch kleinen Fasern, die mit Epoxitharz ummantelt und bei hohen Temperaturen gehärtet werden- macht es ungeheuer schwer die Rohstoffe wieder zu trennen.

Recycling?

Forscher arbeiten daran, das Carbon-Recycling zu verbessern, aber dieses Feld ist noch weitgehend unerforscht und der Prozess weit davon entfernt, perfekt zu sein. Das Harz, das üblicherweise zur Bindung der Carbonfasern verwendet wird, ist nicht nur giftig, sondern muss auch abgeschmolzen oder chemisch gelöst werden, um die Fasern zurück in einen wiederverwendbaren Zustand zu bringen. Und weil recycelte Carbonfasern nicht den gleichen Belastungen standhalten wie das ursprüngliche Material, kann es lediglich nicht-tragende Spritzgussteile verwendet werden.

Es ist jedoch nicht so, das entsprechende Carbon-Recycling-Firmen nicht existierten, aber leider nun mal nicht in Asien, ein Großteil der weltweit verkauften Fahrräder hergestellt werden. Wenn also Carbonmüll  im Herstellungsprozess in China anfällt, landen die Abfälle und Reste in der Regel also entweder auf einer Müllhalde – oder wie Kokkonen lernen musste – in den Meeren, wo das nicht abbaubare Material einfach für alle Zeiten auf dem Boden liegen bleibt. Oder, wenn die Teile klein genug sind, möglicherweise sogar in die Nahrungskette gelangt.

Im Jahr 2010 sorgte Trek in Zusammenarbeit mit “Carbon Conversion” (South Caroline, USA) dafür, dass Prototypen, beschädigte Rahmen, unbrauchbare Teile und bei der Produktion angefallener Carbonabfall recycled wurden. Doch dies ist, gemessen an der großen Zahl in Asien gefertigter Rahmen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Eine Studie aus dem Jahr 2014 erforschte in Zusammenarbeit mit Specialized,  SRAM, DT Swiss und der Duke University’s Nicholas School of the Environment die Auswirkungen der Fahrradindustrie auf die Umwelt. Entgegen einigen Presseberichten, geschah das nicht, um den Partnern einen Persilschein auszustellen und einfach zu sagen, dass die Fahrradindustrie sich des Problems der ökologischen Auswirkungen bei den Herstellungsprozessen nicht adäquat annehme.

Carbon vs. Alu

Die Studie verglich den Carbon-Rahmen “Roubaix” mit dem Aluminiumrahmen “Allez”, beide von Specialized. Bezogen auf der Verwendung von Wasser und Strom sowie dem anfallenden Abfall, zeigten die Resultate einen leichten Vorteil für den Alurahmen. Die Forscher empfahlen, dass Fahrradhersteller zusammen arbeiten sollten um – ähnlich wie schon andere Hersteller aus dem Bereich der Outdoor Produkte – die Herstellungsprozesse zu optimieren, bessere Daten zu gewinnen und ihre Auswirkungen auf die Umwelt messbar zu machen.

Im Jahr 2015 hatte Specialized ein Carbon-Recycling-Programm gestartet, dieses musste jedoch aufgrund von mangelnder Nachfrage im Jahr darauf wieder eingestellt werden. Zur Zeit wird gemeinsam mit einem deutschen Recycling-Unternehmen nach einer praktikableren Lösung gesucht. “Bis dahin wird jeder bei Specialized oder einem seiner angegliederten Händler zurückgegebene Rahmen in einem Lagerhaus in Salt Lake City eingelagert”, sagt Troy Jones. Er ist der verantwortliche Manager für “Social Responsibility”, und war in früheren Jahren der Leiter der “Outdoor Industrie Vereinigung für faire Arbeitsgruppen”. Kein an Specialized zurückgegebener Rahmen soll auf einer Müllhalde landen.

Bedenkliche Produktionsbedingungen 

Specialized, SRAM sowie einige andere Firmen beteiligen sich an der  “World Federation of Sporting Goods Industry’s Responsible Sport Initiative”, die in 2013 ins Leben gerufen wurde. Ziel ist es unter anderem dafür zu sorgen, das bei gemeinsamen Lieferanten Verbesserungen bei den Produktionsbedingungen erreicht werden. Die Idee dahinter: Je mehr Hersteller von einem Lieferanten beliefert werden, je mehr gemeinsamer Druck kann ausgeübt werden, um die Verhältnisse zu verbessern.

Die bisher erreichten Veränderungen liegen weitestgehend in den Bereichen Arbeit, Gesundheit und Sicherheit. Zum Beispiel verlangte die “Responsible Sports Initiative” von den Herstellern, Sicherheitskleidung für die Arbeiter bereitzustellen oder den Carbonfaser-Dunst im Schleifprozess zu minimieren.

Jedoch hat das fahrradspezifische Programm mit seiner vergleichsweise kleinen Anzahl von aktiven Herstellern  bislang lediglich an der Oberfläche kratzen können: Von den ungefähr 260 Zulieferern, die beispielsweise Specialized in seiner Herstellungskette identifizieren konnte, überlappen sich lediglich 41 mit anderen Fahrrad- und Komponenten-Herstellern.

“Diese können unabhängig von ihrer Größe einen Unterschied machen”, sagt Jones, “wenn die Industrie eben zusammen arbeitet. Ich bedanke mich bei der Firma Pole, dass sie dieses Thema aufgebracht haben. Viele ihrer Bedenken sind berechtigt….aber ich denke, wenn sie blieben und versuchten einen Unterschied zu machen, wäre allen eher geholfen als wenn sie sich zurückzuziehen.”

Kleiner Prozentsatz für Konsumentenprodukte

Wenn die Sprache auf die größten Umweltsünder kommt, ist die Fahrradindustrie wohl kaum der größte unter ihnen. Fahrrad- und Sportartikel, die aus Carbon hergestellt werden, repräsentieren lediglich einen kleinen Prozentsatz der gesamten Carbonnachfrage: Lediglich 11 Prozent der Carbonfasern geht auf das Konto der Konsumentenprodukte, das ergaben Daten von “Composites Forecasts und Consulting”. Der Rest geht auf das Konto von Automobil, – Flugzeug- und Schiffsbau sowie anderem industriellen Bedarf.

“Das Material der Flügel einer Windkraftanlage gäbe das Material einer Jahresproduktion an Carbonrahmen für uns her,” sagt Eric Bjorling, ein Unternehmenssprecher von Trek. Die Firma gab ihre eigenen Umweltstudien in Auftrag und hat die gesamte Spannbreite vom Lieferanten bis zum Verpackungsmaterial unter die Lupe genommen. “Es ist nicht die eine Sache,” sagt Bjorling. “es ist die Summe aller Dinge.”

Währenddessen werden die meisten Konsumenten diesen Bedenken wohl nicht allzuviel Beachtung schenken. Doch wäre es anders, wenn die Verbraucher es wüssten?

“Das mag sein, aber das kann keine Entschuldigung für die Firmen sein” sagt Kokkonen. Bevor er die Herstellung der Carbonrahmen stoppte, schaute er sich seinen Original Businessplan an.“Ich schrieb eine Zeile die lautete ‘Wir wollen keinen unnötigen Schaden verursachen.”

Er versucht diesen Aspekt seiner Philopsophie in alle Bereiche seiner Wertschöpfungskette einfließen zu lassen, vom Erhalt der Marketingmaterialien bis zum Wiederverwenden von Herstellerverpackungen beim Versand seiner fertigen Produkte.

“Wir werden die Welt nicht retten, indem wir keine Pole-Rahmen aus Carbon herstellen. Aber es ist eine ethische Entscheidung” fügt Kokkonen an.

Jay Townley, ein Partner der Gluskin Townley Group, einer US-amerikanischen Consulting Firma, die den Fahrradmarkt untersucht, teilt dieses Empfinden. Als er in den späten 80iger Jahren eine Firma besuchte, kam er an eine Stelle, an der das Harz auf die Carbonmatten aufgebracht wird. Townley erzählt, sein damaliger Begleiter nahm ihn am Arm, führte ihn von dort weg und sagte, “Wir gehen dort nicht hin ohne Atemschutz.” Jedoch hätten die Arbeiter dort keinerlei Atemschutz getragen…

Townley hat seit damals viele Hersteller in Taiwan besucht, wo die Bedingungen sich verbessert haben, wie er findet. Die Arbeiter seien inzwischen ausreichend geschützt. Trotzdem, da die Produktion nun in anderen Ländern stattfindet wie z.B. China, Vietnam Kambodscha und Bangladesh, meint er, gebe es keine Garantie, dass solche Sicherheitsstandards auch dort eingehalten werden.

“Ich traf eine bewusste Entscheidung, dass ich kein Carbon mehr kaufen werden, bis ich die Einhaltung solcher Standards sicherstellen kann.” Das sei für die meisten Verbraucher jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. “Ich glaube nicht, dass es eine Entschuldigung oder eine Begründung für ein Produkt geben kann, das nicht nur die mit der Herstellung beschäftigen Arbeiter schädigt, sondern ebenso wahrscheinlich nicht recycelt werden kann.”

Als er China besucht, sagt Kokkonen, wurde für ihn deutlich, dass er nur wenig Einfluss auf die Herstellungsbedingungen seiner Rahmen nehmen konnte, geschweige denn wie die Arbeiter behandelt werden oder der Abfall entsorgt wird.

Stattdessen verdoppelt Kokkonen, der die Position seiner Firma Pole auf dem firmeneigenen Blog erklärte, den Aluminium-Anteil und plant in diesem Frühjahr mit der Produktion von High-Performance Alurädern in der eigenen Produktionsstätte in Jyväskylä, Finland zu beginnen. Der Erfolg seiner Evolink Serie, argumentiert er, ist der Beweis dass Aluminium, wenn es richtig designed wird, sich durchaus mit Carbon messen kann.

Das heißt aber keinesfalls, dass Kokkonen diejenigen verurteilt, die Carbon kaufen. “Wir wollten einfach nur kein Teil des Problems sein”.

[Der Artikel erschien im englischen Original auf www.outsideonline.com | Foto: VeloStrom]

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Kommentar:

Das Rad auf dem Foto steht in meinem Radkeller. Ich bin jedesmal fasziniert vom geringen Gewicht, dank der vielen Carbonteile. Und die Felgen an meinem Velomobil bestehen aus einem Carbon-Komposit. Doch wenn ich mir jetzt überlege, welche Folgen die Produktion von Carbonteilen für die Umwelt und auch die Gesundheit der Menschen in der Produktion haben, frage ich mich ernsthaft: Ist die Verwendung von Carbon nur zur Einsparung einiger weniger Gramm pro Bauteil bei Fahrradrahmen oder -komponenten diesen Preis wert ist…

 

Alexander Theis

Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VeloStrom.de
Alexander Theis

Ein Kommentar

  1. denke nicht das er sich nicht auf einem bandscheibenmordenden harten Rennradrahmen setzt und damit seine 150 Tageskilometer abspult…
    Da verbessere ich meinen Öko-Fussprint lieber indem ich:
    seit 23 Jahren keine Auto unterhalte, alles mit Rad
    keine Fleisch esse (1kg = 100km Auto-Autobahn
    Ernährung aus Regionalen Produkten, keine Walnusskerne aus Kalifornien…
    Die Wohnung im Winter – warm angezogen – auf max 18° thermostat-regle.
    alle ein zwei Jahre mach ich einen Flug in die zentrale Sahara mit MTB, da zahl ich an Atmosfair ein 40 euro-CO2-Zertifikat ein für Windräder als Ausgleich.
    Mein Fussprint-Jahresverbrauch (erneuerbare Energie-Ressourcen) geht damit definitiv Jän-Dez.

    Jetzt möchte ich gern den Fussprint von ihm wissen…

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