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Urlaub

Tuscany Trail: Zwischen Massentourismus und Einöde durch die Toskana

Wie kaum ein anderes Radrennen verbindet der „Tuscany Trail“ Abenteuer und Kultur: 560 hügelige Kilometer nonstop quer durch die Toskana warten auf die Teilnehmer, Sightseeing historischer Städte inklusive. Klingt nach Cappuccino und Sonnenschein – ist es aber nicht.

Während sich die Touristenmassen per Bus von einem Hotel zum nächsten chauffieren lassen, sind die Radfahrer bei Verpflegung und Übernachtung auf sich allein gestellt. Am 2. Juni startete die vierte Auflage des Selbstversorgerrennens. Zur Einstimmung berichtet Bikepacking-Experte Gunnar Fehlau über seine Teilnahme 2015.

[pd-f/guf] Alles hat so nett begonnen. Vor kaum eineinhalb Stunden bin ich lässig zusammen mit 250 anderen Fahrern auf dem Piazza Aranci in Massa auf den Tuscany Trail gestartet. 20 Kilometer später bin ich bereits am Anschlag. Der Puls hämmert mit 180 Schlägen und ich zerre meinen bepackten Boliden über einen schmalen Trampelpfad mit Stufen und Absätzen. An Fahren ist schon seit hundert Höhenmetern nicht mehr zu denken. Laut Veranstalter sollen 99 Prozent der insgesamt 560 Kilometer fahrbar sein – ich hege gewisse Zweifel.
 
Es ist nass und kühl, irgendwas zwischen echtem Regen und schwerem Nebel umspült die Berge der Apuanischen Alpen. Nach 20 Minuten Heben, Hieven und Tragen kommen wir am Scheitelpunkt „Foce delle Porchette“ an. Abwärts sind Fahrtechnik und gute Ausstattung gefragt. Und das gilt nicht nur fürs Rad.
 
Der Tuscany Trail ist ein Self-Support-Rennen, ein Trend aus den USA, der auch in Europa für Furore sorgt. Zwei Fakten unterstreichen dies: Für 2017 sind für den Tuscany Trail fast 600 Teilnehmer, und damit mehr als doppelt so viel wie vor zwei Jahren, angemeldet. Und Radtaschen-Primus Ortlieb hat vor wenigen Wochen seine bereits zweite Bikepacking-Linie vorgestellt. Radfahrer können so Zeltausrüstung und allerlei komprimierten Hausrat platzsparend direkt am Rad verstauen. Meist in Lenkerrolle, Rahmen- und Satteltasche.
 
tuscany_trail_landschaftDoch zurück auf die Strecke: Talwärts sehe ich einige Leute in die Büsche purzeln, andere steigen rechtzeitig kontrolliert ab. 800 Höhenmeter weiter unten lautet meine Bilanz: ein Plattfuß, kein Sturz und reichlich Hunger.
 
Unsere abenteuerlustigen Schenkel haben den ersten Gipfel und somit die ersten 1.000 Höhenmeter intus. Rund 10.000 Höhenmeter werden noch folgen. Mein Touren-Buddy Walter Lauter und ich steuern die nächste Pizzeria an. Satt geht es dann in die nächste Rampe. 800 Höhenmeter direkt wieder hoch. Von den seichten Hügeln der Toskana und einem mediterranen Klima fehlt noch jeder Spur.

Für Profis oder auch Genießer

„Isse eschte Monte“, lächelt mich Marco an, schaltet einen Gang hoch und geht lässig aus dem Sattel. In der nächsten Sekunde reißt eine Lücke zwischen uns. Der drahtige Mittdreißiger ist der lebendig gewordene Archetyp des italienischen Radsportlers: kurze schwarze Haare, feine Goldkette um den Hals, weiße Rennradsocken, Helm am Lenker und Colnago-Kappe auf dem Kopf. Der braun gebrannte Körper steckt in Klamotten des Lotto-Profistraßenteams und ist bis in die letzte Zelle austrainiert.

Die kleine Lenkerrolle und die zierliche Hecktasche lassen auf eine gewichtsoptimierte Hotel-Strategie schließen. Marco ist auf Tempo gepolt. Schon ist er um die nächste Ecke verschwunden und hat mir rund 20 Höhenmeter abgenommen.

Dass ich kurz danach auf Alan auffahre, der mit einem Fatbike und voller Zeltausrüstung pedaliert, zeigt, wie unterschiedlich die Teilnehmer der Herausforderung begegnen. Jeder meint, das ideale Rad für die Abenteuerfahrt gefunden zu haben.tuscany_trail_unterwegs

Mein Rad ist ein 29-Zoll-Plus-Reisebolide, in dem die geballte Erfahrung aus den letzten Jahren voller Bikepacking-Reisen und Self-Support-Rennen in den USA, Kanada, Portugal, Norwegen, Spanien und Deutschland steckt. Eine „GX22“-Schaltgruppe von Sram erweist sich als ein passender Partner: Das Entfaltungsspektrum ist groß und deckt sich mit den Bikepacking-typischen langsamen Bergauffahrten. Schließlich hat man reichlich Ausrüstung am Rad und über die Tage noch einiges vor. Gleichzeitig hat die Schaltung auch eine echte Rouleur-Übersetzung für schnelle Passagen talwärts auf gutem Geläuf.

Touristenfalle Florenz

Die gerade „Strada Bianca“ – wie die berühmten hellen Schotterpisten der Toskana heißen – entlang des Flusses Arno scheint endlos.

Der zähe Morgen mit dem letzten Tausenderpass in den Apuanischen Alpen bei Nieselregen und auch die matschige Abfahrt sind vergessen. Endlich purzeln die Meilen und auch die Sonne kommt raus. Ich versöhne mich mit dem Tag. Es geht geradewegs auf Florenz zu.

Urplötzlich nimmt der Verkehr auf der Strada tumultartig zu. Das GPS leitet uns mitten in die Innenstadt hinein, direkt auf den Piazza del Duomo. Touristenmassen fluten den Platz und wogen in Shorts und mit Reiseleitern in die kleinen Gassen. Unser Flow erleidet einen Kolbenfresser.

Fast eine halbe Stunde kurbeln wir hakenschlagend unterhalb von Schrittgeschwindigkeit durch die mäandernden Reisegruppen, bevor die Altstadt uns frustriert und ausgekühlt wieder ausspuckt.

Gutes Timing ist wichtig im Radsport, da machen Selbstversorgerrennen keine Ausnahme. Die schnellen Fahrer sind hier in der ersten Nacht durch. Sie hatten freie Bahn und lieferten sich im Morgengrauen für ein paar Minuten ein Rennen mit den Kehrmaschinen.

Glück in der Asphaltkurve: Kehren statt Katastrophe

Wir überqueren erneut den Arno und biegen unerwartet rechts direkt in den Hang. Die Beine brennen und wir müssen uns gehörig quälen.

Die Route führt hoch zum weitläufigen Piazzale Michelangelo. Zu dumm nur, dass dieser geräumige Platz mit herrlicher Aussicht über Florenz zum Angelpunkt des Bustourismus mutiert ist: Heerscharen von Selfie-Stick-Kriegern marodieren rund um die Bronzestatuen und Souvenirbuden. Sie bremsen einmal mehr unsere Fahrt. Es gehört zu den goldenen Regeln des Massentourismus, dass es im Rücken der Touristen sehr schnell ruhig wird. Kaum 50 Meter nach den Buden sind wir fast allein.

tuscany_trail_strada_biancaDie Straße liegt wellig auf den toskanischen Hügeln. Seichte Anstiege mit geschwungenen Kurven. Hier und da eine Haarnadelkurve. Einzig der samstägliche Einkaufsverkehr stört ein wenig. Die Sonne lacht, wir schließen uns ihr an!

Es geht entspannt Richtung Chiesanuova. Als wir um die nächste Kurve biegen, schauen wir direkt in die zerschellte Frontpartie eines Fiats, der quer auf der Straße steht. Auf unserer Straßenseite läuft ein weißer VW aus. Wildes italienisches Geschnatter erfüllt die Luft. Im Hintergrund naht die Polizei. Wir kurbeln an den Wracks vorbei. „Ich bin froh, wenn wir wieder im Gelände sind, das ist nicht so gefährlich“, meint Walter. Recht hat er.

Am Abend sehen wir die beiden Autos wieder. Im Facebook-Posting von Mitfahrer Jasper: „Be careful out there #tuscanytrail. White car was overtaking me. Luckily I stopped in time.“

Kühler Wein auf heißem Stein

Nach San Gimignano, deren mittelalterlicher Stadtkern zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, schließen drei Mitstreiter zu uns auf. Gemeinsam preschen wir über die Strada Bianca und ziehen eine Staubwolke hinter uns her. Staub und Schweiß bilden eine Heldenkruste auf unseren Gesichtern. Doch die Augen leuchten voller Freude und Konzentration. Kiesel springt rechts und links und nimmt die Mitfahrer in Beschuss. Unsere Vorderreifen wühlen sich durch eine steile Kurve. Dann preschen wir mit 70 Sachen bergab, geradewegs auf eine T-Kreuzung zu. Als wir unten stehen, glühen die Bremsscheiben.

Allmählich haben wir uns an die Mischung aus Kultur und Natur des Tuscany Trails gewöhnt. Die Logik ist eingängig, der Rhythmus gleichförmig und die Abfolge immer gleich: Der Trail führt meist auf kleinen Landstraßen und Strade Bianche bergauf, bis eine kulturelle Sehenswürdigkeit erreicht ist. Dort folgt der Track der Touristenkarawane durch die historische Altstadt oder zu einer Burg.

Anschließend geht es vorwiegend über Schotterpisten und manchen Singletrack wieder talwärts, bis der nächste Anstieg nach gleicher Art folgt. Zuweilen wird die Melodie durch eine längere Fahrt in der Ebene ein wenig variiert. Diese Dramaturgie ist kein Zufall, vielmehr hat Tuscany Trail-Initiator Andrea Borchi eine Mission: „Ich möchte den Menschen zeigen, wie schön die toskanische Landschaft ist und welch fantastische Kulturgeschichte wir haben.“

Unsere Kompagnons biegen an einer Wegscheide rechts ab. Wir verschnaufen noch einen Moment und entdecken links einen Holzverschlag. Der entpuppt sich als Straßenverkauf des nahegelegenen Weingutes Pietrafitta.
 
tuscany_trail_chianti_am_radZehn Minuten und drei Proben später schiebe ich eine Flasche Chianti in den Flaschenhalter am Unterrohr und sichere den zerbrechlichen Passagier mit einem Kabelbinder. Die weiteren Zutaten zum Abendessen kaufen wir in Colle di Val d‚Elsa ein und radeln dem Sonnenuntergang entgegen.
 
Eine Wiese, durch einen Hügel vor den Blicken vorbeifahrender Autofahrer geschützt, dient als Nachtlager. Gerade als wir uns häuslich einrichten wollen, gesellt sich Markus, ein Fahrradhändler aus Nürnberg, zu uns. So sitzen wir zu dritt auf den von der Sonne erwärmten Steinen und genießen den „Chianti Colli Senesi“, Oliven, Käse, Salami und Baguette. „Das Abendessen kostet uns sicher zehn Ränge in der Platzierung“, meint Markus.

Erlebnis oder Ergebnis

Beim Selbstversorgerrennen gilt die Bruttozeit, also Fahrzeit plus Pausenzeit. Allem voran wird am Schlaf gespart. Ein brisantes Spiel: Wie viel Zeit kann ich sparen und wann beginnt der Schlafmangel das Tempo auf dem Rad zu bremsen?

Wichtig ist, auch tagsüber keine Zeit zu verplempern: Pausen minimieren und möglichst optimal nutzen. Im Restaurant umgehend alle Gänge bestellen, erst anschließend ausziehen und auf Toilette gehen. Im Supermarkt bereits beim Aussuchen und Warten an der Kasse zu essen beginnen. Auf Fotostopps oder einen gemütlichen Kaffee in einem Altstadt-Café verzichten die Racer natürlich gänzlich.

Spätestens hier teilt sich die Szene in zwei Lager. Die einen wollen so schnell wie möglich am Ziel sein. Sie entbehren jeglichen Komforts, der keinen Vortrieb bringt. Die anderen wollen einen Mix aus Abenteuer, Natur, Kultur und Sport genießen.Das liegt mitunter weiter auseinander. Nicht nur zeitlich:

Die beiden Sieger sind die 560 Kilometer quasi nonstop durchgefahren und waren nach 37 Stunden und neun Minuten im Ziel, eine umfangreiche Zeltausrüstung suchte man bei ihnen vergebens. Der letzte gelistete Fahrer nahm sich acht Tage, vier Stunden und 27 Minuten Zeit. Sein Rad hatte reichlich Komfortausrüstung in den Taschen.

tuscany_trail_am zielWalter und ich pendeln zwischen beiden Extremen: Auf dem Rad gerne Vollgas, aber ein Selbstversorgerrennen ohne abendliches Lagerfeuer können wir uns nicht vorstellen. Die abschließenden rund 200 Kilometer über Siena, Val d‘Orcia, Radicofani zur Halbinsel Scalo Argentario vergehen verhältnismäßig schnell und ohne weitere Zwischenfälle. Am Ende erreichen wir den Zielort Capalbio nach drei Tagen, acht Stunden und neun Minuten. Ein respektabler 50. Platz.

[Text & Fotos: PD-F]

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Alexander Theis

Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VelΩstrΩm.
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