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Test & Technik

Skarper, neuer E-Bike Antrieb zum Nachrüsten aus Gross-Britannien

Lesezeit etwa 9 Minuten

Skarper verspricht nichts weniger als „die Welt der E-Bikes zu revolutionieren“. Was steckt dahinter?

Skarper ist ein patentgeschütztes Scheibenbremsenantriebssystem zum Nachrüsten. Hinter dem in London ansässiges Start-up stehen prominenten Unterstützer wie der sechsfachen Olympiasieger und elffache Weltmeister im Bahnradsport Sir Chris Hoy, der von Anfang an stark in die Produktentwicklung involviert war.

Antrieb über Scheibenbremse?

Das klingt erstmal paradox: Der Skarper-Motor treibt das Fahrrad als erster seiner Art über die hintere Scheibenbremse an. Laut Pressemeldung soll er sich problemlos an jedes Fahrrad mit entsprechender Aufnahme anclippen lassen, „um es binnen Sekunden in ein Hochleistungs-E-Bike zu verwandeln.“

Sir Chris Hoy, zu seiner Motivation, am Antrieb mitzuwirken: Mehr Menschen aufs Fahrrad zu bringen, ist schon immer ein großes Anliegen für mich gewesen – unabhängig von ihrer Fitness, ihrem Können oder ihrem Alter. E-Bikes spielen eine große Rolle dabei, das Radfahren für jedermann zugänglicher zu machen. Es eröffnet ganz neue Möglichkeiten – sei es, den sonst zu weiten Arbeitsweg mit dem Rad zurückzulegen, mit einem fitteren Freund auf einer herausfordernden Radtour Tritt zu halten oder nach einer Verletzung oder Krankheit wieder mit dem Radfahren anzufangen. Mit dem E-Bike kann man einfach weitere Strecken zurücklegen und mehr sehen bei gleichem Aufwand. E-Bikes bieten für jeden etwas; ich bringe meine Kinder sogar mit einem Cargo-E-Bike zur Schule!“

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Der sechsfachen Olympiasieger und elffache Weltmeister im Bahnradsport Sir Chris Hoy,

Fakten und Zahlen zu Skarper: 

  • Antriebstyp: DiskDrive™ (firmeneigene Skarper™ Technologie)
  • Drehmoment: 50Nm
  • Motorleistung: 250 W
  • Batterieleistung: 202 Wh
  • Ladedauer (leer zu voll): 2,5 Stunden
  • Reichweite: bis zu 60 km
  • Reichweite nach 30minütigen Laden: 15-20 km (vorläufige Berechnung)
  • Maximalgeschwindigkeit: 32 km/h (begrenzt auf 25 km/h entsprechend jeweiliger nationaler Gesetze)
  • Abmessung (Verpackung): 353mm x 157mm x 90mm (das eigentliche Packmaß des Produkts fällt kleiner aus)
  • Gewicht: ca. 3 kg + 300 g für DiskDrive Scheibe
  • Schnittstelle: Intelligente Tasten und Lichter am Gerät ermöglichen es dem Benutzer, Modi auszuwählen und den Batteriestand zu überprüfen.
  • Es gibt drei Modi – Eco, Standard und Turbo.

Intelligenter Motor?

Die Pressemeldung verspricht: „Dank einer Reihe von Sensoren und Steuerungsalgorithmen reagiert der Motor intelligent auf das Gelände und liefert bei Bedarf umgehend, erstklassige Unterstützung. Um das Fahrrad mit dem Skarper Antrieb auszustatten, muss lediglich die hintere Bremsscheibe gegen die spezielle DiskDrive™-Scheibe ausgetauscht werden. Diese gewährleistet die Kraftübertragung des Systems, aber funktioniert weiterhin stets zuverlässig, wie jede andere Scheibenbremse, auch wenn die Antriebseinheit nicht am Fahrrad montiert ist. Des Weiteren muss ein kleines Verbindungsstück an der Kettenstrebe befestigt werden zur Sicherung des Systems.“

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Die Art, wie das System die Unterstützung regelt erinnert mich ein wenig an den Zehus-Antrieb. Der jedoch kann über Sensoren die Krafteinleitung von Fahrerin oder Fahrer messen und danach die Unterstützungsleistung anpassen. Das ist scheinbar beim Skarper nicht vorgesehen. Unter diesen Umständen ein harmonisches Fahrgefühl hinzubekommen dürfte eine echte Herausforderung sein.

Bahnbrechende Innovation?

Die Pressemeldung verrät, dass für den Erfinder und Mitbegründer von Skarper, Dr. Alastair Darwood, bahnbrechende Innovationen kein Neuland sind. Vor der Entwicklung des Scheibenbremsenantriebs habe er während seiner Karriere als Arzt beim britischen National Health Service (NHS) bereits mehrere medizinische Geräte für die Fachbereiche Orthopädie und Anästhesie erfunden und entwickelt. Zu Beginn der Corona-Pandemie habe Alastair darüber hinaus ein neuartiges Notfallbeatmungsgerät erfunden, das mit Unterstützung der Britischen Regierung und in Zusammenarbeit mit Red Bull Advanced Technologies in Rekordzeit entwickelt wurde.

„Bei Skarper leben und atmen wir Innovation; und wir stehen erst am Anfang unserer Produktentwicklung“, sagt Dr. Alastair Darwood. „Das Skarper-System ist vollständig geschlossen, kabellos und lässt sich über seine DiskDrive™-Technologie nahtlos in das Fahrrad integrieren. Die ultraleichte, aufsteckbare Motortechnologie verwandelt jedes Fahrrad in ein E-Bike, ohne dass Änderungen am Rahmen oder an den Rädern erforderlich sind – und ohne Kompromisse bei der Leistung. Wir freuen uns sehr, mit Red Bull Advanced Technologies an einer Offroad-Version des Antriebs zu arbeiten, von der wir später in diesem Jahr Neuigkeiten veröffentlichen werden.“

Wann geht die Revolution los?

Der Skarper-Antrieb soll ab 2023 erhältlich sein. Das Unternehmen erwartet eine hohe Nachfrage und plant, bald Vorbestellungen von Early Adoptern entgegennehmen zu können, die das Scheibenbrems-antriebssystem zum geplanten Preis von 1.000 Britischen Pfund (aktuell ca. 1.158 €) als erste verwenden möchten.

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Laut Ean Brown, CEO und Mitbegründer von Skarper ist das Antriebssystem „der einfachste Weg zu einem komplett fertigen und leistungsstarken E-Bike. Wir haben das Ziel, dass die DiskDrive-Bremsscheibe ab Werk in Millionen von Fahrrädern auf der ganzen Welt serienmäßig integriert wird.“

Taugt das was?

Ich bin mir durchaus bewusst, das ich jetzt als typisch deutscher, oberster Bedenkenträger erscheinen werden, aber ich glaube nicht, dass dieser Antrieb auch nur halbwegs das Zeug dazu hat, die hochgesteckten Erwartungen der Kunden zu erfüllen. Zumindest nicht in der EU und in Deutschland. Warum?

  1. Haftung
    Wer ein normales Fahrrad zum Pedelec umbaut wird, haftungsrechtlich gesehen, zum Hersteller. Aus genau diesem Grund lassen Hersteller von Nachrüstantrieben wie Pendix oder Binova nur bestimmte Fahrräder zur Nachrüstung durch einen Vertragshändler zu – und haben sich versicherungsrechtlich abgesichert.
  2. Fahrgefühl
    Bei einem Tretlagerantrieb oder auch einem Hinterradnabenmotor kann die Motorleistung dank Drehmoment-Sensoren gut erfasst und die Antriebskraft des E-Motors abgestimmt werden. Es ergibt sich dann ein sehr harmonisches Fahrgefühl. Beim Skarper gibt es, zumindest nach den vorliegenden Informationen keine entsprechenden Sensoren. Ich vermute, dass das Fahrgefühl alles andere als harmonisch ist.
  3. Sicherheit
    Gesetzliche Regelungen sehen vor, dass der Vortrieb eines Pedelec-Antriebs nach Ende des Tretens innerhalb von Millisekunden unterbrochen werden muss. Frühe Antriebe hatten dafür Mikroschalter an den Bremsen, miderne Antriebe regeln das über entsprechende Sensoren (s. Punkt 2). Wie das beim Skarper-Antrieb passieren soll, wird mir aus den vorliegenden Informationen nicht klar.
  4. Reichweite
    Die Akkukapazität von 202 Wh soll für 60 km Reichweite gut sein sollen. Erfahrungen aus der Praxis: Bei einem Pendix-Antrieb mit 330 Wh zeigte nach 16 Kilometern in höchster Stufe (also dort wo es Spaß macht) nur noch 40% Ladestand. Das entspricht also etwa einem Verbrauch von 198 Wh. Da wäre der Akku des Skarper leer – nach 16 Kilometern.
  5. Preis-Leistung
    Der Skarper Antrieb soll deutlich mehr als 1.100€ kosten, ohne Montage. Das ganze wird dann im ungünstigsten Fall an ein altes Fahrrad gebaut, dessen Rahmen, Räder und Bremsen den höheren Kräften nicht stand halten können. Wer Geld sparen will und ein bisschen sucht findet sicher ein gebrauchtes E-Bikes mit aktuelleren Komponenten für kaum mehr Geld. Sogar neue E-Bikes von Jeep sind für kaum mehr Geld erhältlich. Man könnte auch ein Bike-Leasing-Angebot nutzen.
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Team von Skarper
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E-Bike Mittelmotor nachrüsten – Endlich Boost am Berg

Liebes Team von Skarper, ich lasse mich bei den Punkte 2 bis 4 gerne eines besseren belehren. Auf jeden Fall besuche ich euch auf der Eurobike. Vielleicht könnt ihr mir da ja einen einen Umbausatz mitgeben und ich teste das ganze mal? Ein Rad zum Umbau hätte ich.

Update 21.07.2022: Testfahrt auf der Eurobike 2022

Im Rahmen der Eurobike 2022 in Frankfurt am Main hatte ich Gelegenheit zu einem intensiven Gespräch mit dem Team von Skarper – und natürlich auch zu einer Probefahrt.

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 Uri Meirovich, Co-Founder & COO Skarper, Ean Brown, Co-Founder & CEO von Skarper, der Autor, Mike Douglas, Head of Engineering bei Skarper (v.l.n.r.)

Aus dem Gespräch ergab sich, dass Skarper den Antrieb nicht als Nachrüstantrieb für den Endkunden platzieren will. Vielmehr soll er eine alternative OEM-Lösung für Hersteller sein, die ohne komplette Neuentwicklung eines Fahrradrahmens ihren Kunden ein E-Bike anbieten wollen. Damit ist Punkt 1 meiner Kritik, nämlich die Haftung des Endkunden, vom Tisch. Ebenso dürfte Thema Preis (Punkt 5) bei einer OEM-Lösung nicht mehr so stark ins Gewicht fallen wie bei einer Nachrüstlösung.

Außerdem ist Skarper mit einem namhaften deutschen Prüfinstitut im Gespräch, um die Sicherkeit und Regelkonformität des Antriebs sicherzustellen. Beim Besichtigen des Antriebs wurden dann auch klar, dass Bluetooth-Sensoren am Pedalarm montiert sind um die Bewegung der Pedale zu erfassen. Damit ist dann auch Kritikpunkt 3, die Sicherheit, entkräftet.

Kritikpunkt 2, Fahrgefühl: Bei der Testfahrt zeigte sich, dass Skarper wie erwartet dem Fahrgefühl anderer E-Bike-Antriebe, die nur die Pedalumdrehung erfassen, entspricht. Das bedeutet, egal wie stark ich trete, der Skarper unterstützt immer mit der ausgewählten Leistung. Also auch im leichten Gang bergauf mit wenig eigenem Kraftaufwand trotzdem bis maximal 250 Watt. Nicht jederfraus oder jedermanns Sache, doch es gibt viele Menschen, die genau diese Leistungsentfaltung schätzen.

Jedoch wäre es auch denkbar, Pedale mit Drehomentsensoren zu nutzen, wie mir Mike Douglas (Head of Engineering) sagte. Damit wäre das Fahrverhalten sicherlich harmonischer.

Skarper: Video von Demontage und Montage des Antriebs auf der Eurobike 2022

Die Unterstützungsleistung bergauf ist deutlich fühlbar, liegt natürlich aber nicht auf dem Niveau eines Mittelmotors. Das ist aber auch nicht der Anspruch. Ich hatte die Möglichkeit, ein Singlespeed und ein Roadbike bergauf zu testen. Das Roadbike fühlte sich für mich deutlich angenehmer an. Sowohl was die Unterstützungsleistung als auch auch die Geräuschentwicklung betrifft. Jedoch möchte ich ganz klar festhalten: Beide Exemplare des Skarper-Antriebs waren Vorserienmodelle an Erprobungsträgern. Da wird also noch entwickelt.

Zu Punkt 4, der Reichweite gab es naturgemäß keine Erkenntnisse, dafür war zu wenig Zeit und die Teststrecke zu kurz.

Beeindruckend ist die Professionalität und Ernsthaftigkeit mit der das Team von Skarper an die Sache herangeht. Hier ist keine „Bastelbude“ am Werk sondern ein Hersteller, der eine ernst zu nehmende Alternative zu den bekannten E-Bike-Antrieben entwickelt. Ich bin gespannt, wie die Story weitergeht.

Mehr Infos gibt es online unter https://www.skarper.com/

[Text: Skarper, [at] | Fotos: Skarper]

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Alexander Theis
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