Das Boar250 von Surface604
Fertig-Pedelecs

Test: Fatbike „Boar E250“ von Surface604

 

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Alles, aber nicht unfauffällig: Das „Boar E250“ von Surface604 (Klicken zum Vergößern)

[at] Fatbikes sind zur Zeit einer der großen Trends, und definitiv nichts für Menschen, die sich unauffällig von A nach B bewegen wollen.

Ursprünglich gedacht für’s Fahren in Schnee und Sand machen die Fatbikes auch auf „normalem“ Terrain viel Spaß. Einer der Gründe, warum die Kanadier von Surface604 ihr Boar E250 nun auch in Europa anbieten. Ich hatte die Gelegenheit, eines der ersten Exemplare, praktisch frisch aus dem Überseecontainer, zu testen.

Die Firma

Surface604, 2013 in Kanada gegründet, will mit der Kombination „Fatbike“ und „Pedelec-Antrieb“ mehr Menschen aufs Fahrrad bringen. Wichtig ist dabei nach eigener Aussage, dass das Pedelec auch für den Normalverdiener erschwinglich ist und dabei soviel Spaß vermittelt, das ein Zweitwagen immer öfter in der Garage bleibt, oder erst gar nicht angeschafft wird. Ob das Versprechen eingelöst wird? Wir werden sehen….

Das Bike

Ich habe keine Ahnung, ob das Wortspiel mit der Typenbezeichung „Boar E250“ gewollt ist, aber nach dem Auspacken aus dem, überraschend kleinen, Karton steht ein Pedelec vor mir, das einem durchaus ein „Boah eh“ entlocken kann: Mit dem auffälligen Grünton lackiert und den stämmigen 4 Zoll breiten Kenda Juggernaut (zu deutsch in etwa „Brummi“) macht das Boar E250 mächtig was her.

Der Rahmen sorgt durch einen eleganten Schwung vor dem Sattelrohr für eine niedrige Überstandshöhe und geht deshalb voll und ganz als UnisexRahmen durch. Die Verarbeitung macht einen guten Eindruck, das mächtige, konisch geformte Steuerrohr verheißt enorme Stabilität, der Akku ist recht elegant und vergleichsweise unauffällig in den Rahmen integriert. Alle Züge sind soweit es geht im Rahmen verlegt, was eine sehr Lenke des Boar250von Surface604aufgeräumte Optik ergibt. Dem kommt auch die verbaute 1×10-Schaltung von SRAM (X5) entgegen: Durch den fehlenden vorderen Umwerfer ist nur am rechten Lenkerende ein Schalthabel nötig. Dessen Bedienung (hoch und runter durch Drücken an je einem separaten Hebel) ist nur die ersten paar Kilometer für mich etwas ungewohnt. Ebenso schnell hat man sich an das etwas breitbeininge Pedalieren, bedingt durch das breite Tretlager (Q-Faktor 209!) gewöhnt.

Gebremst wird mit hydraulischen Bremsen von Tektro (Auriga), die Bremsscheiben haben einen Durchmesser von 160mm. Die Bremsen lassen sich sehr gefühlvoll dosieren, beißen bei Bedarf aber auch sehr kraftvoll zu.

Wie gesagt ist vorne nur ein Kettenblatt mit 36 Zähnen verbaut, am Hinterrad sorgt ein Zahnkranz (SRAM PowerGlide 1070) mit 11 bis 36 Zähnen für einen gute Übersetzungsbandbreite. Und wenn’s doch etwas steiler wird, hat man ja noch den Pedelec-Antrieb. Trotzdem wäre ich ab und an bei besonders steilen Anstiegen um ein zweites Kettenblatt vorne froh gewesen. Doch ansonsten passt die Übersetzung und die Abstufung gut zum Einsatzbereich.

Der Antrieb

Das Boar E250 verfügt über einen Bafang-Hinterradnabenmotor mit 250 Watt. Die Nabe am Testrad ist in „Alu-Natur“ gehalten und macht mit der enormen Breite und dem eingefrästen Bafang-Schriftzug mächtig was her.

Der Bafang-Hinterradantrieb des Boar250
Macht mächtig was her: Der Bafang-Nabenantrieb am Boar250
Ladenetzteil am Akku des Boar250
Knapp, aber geht: Der Akku kann auch im eingebauten Zustand geladen werden.

Doch trotzdem, das klingt zunächst etwas paradox, ist sie recht unauffällig, denn sie passt prima zu den restlichen Dimensionen des Bikes. Der Antrieb wird von einem, teilweise im Rahmen integrierten, Lithium-Ionen Akku mit 478 Wh (36 Volt, 13,3 AH) mit Strom versorgt, was für einen Reichweite bis 80 km gut sein soll. Eines kann ich vorwegnehmen: Das ist je nach Terrain, durchaus realistisch. Der Akku kann beim Laden im Rahmen verbleiben, auch wenn der Stecker des Netzteil dann gerade noch so am Sitzrohr vorbei passt.

Der Antrieb und das Display wird an einem abgesetzten Tastenblock am linken Lenkerende bedient. Die Bedienlogik ist sehr intuitiv und geht leicht von der Hand, wenngleich das Bedienteil etwas klobig daher kommt. Wird der Antrieb im Dunklen aktiviert, wird das Display automatisch beleuchtet, sehr praktisch.

Das Display selbst bietet alle benötigten Anzeigen und ist sehr gut ablesbar, einzig eine Anzeige der Uhrzeit wäre noch ganz nett, doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Die Reichweite des Akkus wird in einer sehr fein aufgelösten Balkendiagramm angezeigt, die Unterstützungsstufen sind jederzeit gut zu erkennen. Der Ladezustand ist außerdem an einer vierstufigen LED-Anzeige direkt am Akku ablesbar, die ist je nach Umgebungslicht und wegen des Oberrohrs teilweise etwas schwer zu erkennen. Das Boar250 verfügt auch über eine Schiebehilfe, die durch längeres Drücken der Minus-Taste am Bediensatelliten aktiviert wird.

Der Fahreindruck

So genug der Theorie, auf geht’s! Die erste Fahrt führt zur Tankstelle: Der empfohlene Reifendruck liegt bei 0,6 bis maximal 1 Bar, doch das Manometer meiner Standluftpumpe löst für so geringe Drücke zu wenig auf.

Bereits beim Losfahren fällt auf, das der Pedelec-Antrieb sehr schnell reagiert: Nach ca. 1/4 Pedalumdrehung schiebt der Bafang-Antrieb so mächtig an, dass ich an den 250 Watt zweifele. Laut den technischen Daten erzeugt der Motor bis zu 60NM, das zu fühlen ist beeindruckend. Das Abregeln beim Erreichen der Unterstützungsgrenze erfolgt dagegen ausserordentlich weich. Beim Fahren auf Asphalt ist der Motor durch das Laufgeräusch der Reifen nicht zu hören, auf unbefestigten Terrain bleibt er akustisch sehr dezent im Hintergrund. Auf dem Weg zur Tankstellen biege ich auf einen geschotterten Feldweg ab. Hier wird mein Grinsen noch breiter, denn es macht unglaublichen Spaß mit dem Boar E250 in Unterstützungsstufe 5 über den Weg zu fegen.

Das Display am Boar250 von Surface604
Das Display: Informativ und gut ablesbar.

Aber nur bis zu den ersten Schlaglöchern: Hier gilt es das Tempo herauszunehmen oder den Lenker wirklich gut festzuhalten. Huch, ich dachte das hier ist ein Fatbike? Ich nehme das Tempo raus und stelle am Kompressor der Tankstelle die Ursache für das unerwartete Verhalten fest: Die Reifen sind mit knapp über 1 bar befüllt, viel zuviel. Ich senke den Lufdruck auf 0,6 bar und fahre den gleichen Weg noch einmal, und siehe da: Die Schlaglöcher scheinen verschwunden! Die breiten Schlappen saugen die Löcher praktisch auf und dort, wo ein schmalerer Reifen haltlos über den Schotter rutschen würde, schmiegen sich die 4-Zoll breiten Kenda Juggernaut praktisch an den Untergrund. Die Kehrseite der Medallie: Das Boar E250 braucht jetzt eine kräftigere Hand beim Umrunden von Kurven, sonst werden die Radien größer als gedacht, doch daran gewöhnt man sich schnell. Weiters ist der Rollwiderstand jetzt natürlich höher, doch dagegen hilft ja der Motor.

Die Steuerung des Pedelec-Antriebs erfolgt über einen in das Schaltauge integrierten Drehmomentsensor. Und das funktioniert sehr gut und überaus sensibel. Durch die Auslegung als Nabenmotor wird die Kraft ja direkt auf das Hinterrad übertragen. Da die Antriebskette „nur“ die vom Fahrer aufgewandte Kraft

Drehmomentsensor am Boar250 von Surface604
Gut untergebracht und prima Wirkung: Drehmomentsensor am Boar E250

ans Hinterrad leitet, wird im Gegensatz zu Mittelmotoren keine Schaltunterbrechung für harmonische Gangwechsel benötigt. Das ist, gerade an steilen Stellen, sehr angenehm, denn so gerät man nicht aus dem Trittrythmus.

Für einen eventuellen Radausbau ist der Kabelstrang des Motors kurz vor dem Hinterrad durch einen Stecker teilbar, sehr praktisch. Weniger praktisch ist, das zum Radwechsel vorher eine Kabelfixierung per Kabelbinder durchtrennt werden muss. Wohl dem, der einen Seitenschneider dabei hat…

Das Gewicht des Boar250 von Surface604
Für ein Pedelec dieses Kalibers gar nicht mal so schlecht: 25,81 kg

Zwischenzeitlich bin ich wieder auf unbefestigten Wegen unterwegs. Und gerade dort macht das Boar E250 enormen Spaß. Zum einen durch die breiten Reifen, die durch den geringen Luftdruck als „passive Federung“ wirken und zum anderen durch den kraftvollen Pedelec -Antrieb. Auch besonders steile, leicht feuchte Grasanstiege sind dank der 4 Zoll breiten Reifen kein Problem. Die meisten Mountainbikes hätten hier schlicht das Problem die Kraft auf den Boden zu bringen ohne auf dem feucht Gras durchzurutschen, doch hier: Grip scheinbar ohne Ende! Und natürlich macht das Boar E250 auch in tiefem Sand eine gute Figur. Dort wo mit „normalen“ Rädern kein Durchkommen mehr ist, zieht das Pedelec aus Vancouver unbeirrt weiter seine Bahn. Beindruckend fällt der Vergleich der Fahrspuren aus: Gegenüber einem Mountainbike erzeugt das Fatbike durch die breiten Reifen wesentlich flachere Spuren.

Auf dem Weg zurück lasse ich den Motor dann mal aus, mal sehen ob das Boar E250 dann auch noch Spaß macht. Und hier erlebe ich die nächste Überraschung: Denn trotz der gemessenen 25,81 kg und der breiten Reifen geht es trotzdem noch voran. Natürlich deutlich weniger forsch, aber noch weit davon entfernt, schieben zu müssen. Die 25 km bis nach Hause powere ich mich also aus und fahre komplett ohne Motorunterstützung. Soll mal einer sagen, man könne mit einem Pedelec nicht trainieren. Und sollte es wirklich nicht mehr gehen, kann ich den Motor ja immer noch zuschalten.

Der Lenker des Boar250 von Surface
Aufgeräumt: Der Lenker des Boar E250 im Vollformat

Die Ergonomie

Jetzt nach rund 50 km fällt mir auf, dass die Kröpfung des Lenkers bei mir für taube Hände sorgt. Doch das ist sicher individuell unterschiedlich und lässt sich durch Montage eines anderen Lenkers schnell beseitigen. Im Online-Shop von Surface604.com finden sich neben extrabreiten Schutzblechen auch ein Front- und Heckgepäckträger. Das Zubehör soll ab November 2015 auch in Europa erhältlich sein, so läßt sich das Boar E250 zum Reiserad aufpeppen, für das es prima geeignet ist.

Mit dem serienmäßigen Sattel kam ich sehr gut zurecht, an das breitbeinige Pedalieren gewöhnt man sich, wie gesagt, schnell.

Die Reichweite

Surface604 verspricht eine Reichweite von bis zu 80 km, das ist je nach Streckenprofil und eigener Leistung realistisch. Meine Berg-Teststrecke konnte ich 12 mal umrunden, bevor die Kapazitätsanzeige des Akkus auf null sank, ein überzeugendes Ergebnis.

Das Höhenprofil der Teststrecke
Höhenprofil der Teststrecke (Klicken zum Vergrößern)

Das Fazit: Tolles Pedelec!

Das Boar E250 von Surface604 macht sehr viel Spaß, egal auf welchem Untergrund. Der Motor von Bafang unterstützt beeindruckend kräftig und gleichzeitig unauffällig, wobei „unauffällig“ für die gesamte Erscheinung des Bikes eher nicht die passende Vokabel ist.

Für den Kaufpreis von 2.849 € erhält man sowohl einen prima Gegenwert als auch einen Hingucker par excellance, dessen Qualitäten sich beileibe nicht nur auf die Optik beschränken. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist ausgezeichnet, Kleinigkeiten wie einen Schutz gegen Kratzer auf der rechten Kettenstrebe oder ggf. einen passenderen Lenker, lassen sich preiswert nachrüsten. Natürlich ist das Boar E250 keine Rennfeile, aber als robustes Alltags- und Reiserad für praktisch jeden Untergrund macht es eine sehr gute Figur und bietet enorm viel Fahrspaß. Und mehr Aufsehen kann man auch mit mehr Geld kaum kaufen

Das Fatbike Boar250 von Surface604
Biete enorm viel Spaß für’s Geld: Pedelec Fatbike „Boar250“ von Surface604

Mir hat das Pedelec enorm viel Spaß gemacht und ich hätte es am liebsten nicht mehr hergegeben.

Das BoarE250 ist derzeit online in verschiedenen Farben unter www.surface604.eu erhältlich, außerdem werden noch Vertriebspartner in ganz Europa gesucht.

Mein Dank gilt Arjan Bakker, Managing Director Surface604 Europe & Africa für das kostenfreie zur Verfügung stellen des Testrades.

Update, 30.01.2017: Leider hat sich Surface604 vom europäischen Markt zurückgezogen.

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Alexander Theis

Alexander Theis

Begeisterter Pedelec-Fahrer. Bloggt seit 2011 über seine Erfahrungen mit Pedelecs und ist Herausgeber von VelΩstrΩm.
Alexander Theis

4 Kommentare

    1. Hallo René,

      vielen Dank für deinen Kommentar, es freut mich sehr, dass dir der Bericht gefällt!

      Mit den Vertriebspartnern hast du sicher recht. Aber ich bin zuversichtlich, dass das noch besser wird. Das Boar250 hätte eine weitere Verbreitung verdient.

      Gruß
      Alex

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