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Velomobil

Das beste Velomobil aller Zeiten? Probefahrt mit dem Frikar auf der Eurobike 2022.

Lesezeit etwa 11 Minuten

Hält das sensationelle Velomobil des Herstellers Podbike aus Norwegen, was es verspricht?

Das Frikar (ausgesprochen: Frii-Kar) schwirrt schon länger in der Szene herum. Auf der Spezialradmesse 2018 konnte ich schon einen frühen Prototypen kurz fahren und war sehr beeindruckt von der Performance. Auf der Eurobike 2022 standen zwei seriennahe Modelle zur Probefahrt. Erfüllt das Velomobil aus Norwegen die Erwartungen?

Das Video mit den Impressionen meiner Testfahrt mit dem Frikar auf der Eurobike 2022

Was ist so besonderes am Frikar?

Im Herbst 2021 war Podbike mit dem Frikar auf großer Demo-Tour. Leider gab es keinen freien Zeitslot für mich, so dass ich auf eine Probefahrt verzichten musste. Umso begeisterter war ich, dass Podbike mit gleich zwei seriennahen Modellen auf der Eurobike 2022 in Frankfurt vor Ort war.

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Eurobike2022: Zwei seriennahe Modelle des Frikar stehen zur Probefahrt bereit.
Vello mit Zehus-Antrieb: Falten und...
Vello mit Zehus-Antrieb: Falten und entfalten auf der Eurobike 2017

Das Frikar ist ein Velomobil mit vier Rädern, Hinterradantrieb und einem geräumigen Kofferraum, in den auch ein Kindersitz passen würde.

Beim Velomobil von Podbike kommt statt eines traditionellen Fahrradantriebs, der die Antriebskraft per Kette oder Riemen von vom Tretlager zum Hinterrad überträgt, ein serieller Hybridantrieb zum Einsatz. Dabei sind die Kurbeln an einer Art Generator befestigt, der die Trittleistung auswertet und elektronisch an die beiden Hinterradmotoren übermittelt. Der offensichtliche Vorteil: Mit Entfall der Kette entfällt zum großen Teil der übliche Verschleiß – und auch der “Einferkelfaktor” wird geringer: Ohne gefettete Kette keine verschmierten (Hosen-)Beine.

Nicht ganz so offensichtlich ist der zweite Vorteil: Die Raumgestaltung des Frikar kann durch den fehlenden Kettentunnel freier gestaltet werden.

Nachteil: Ist der 877 WhAkku leer, geht es nicht mehr vorwärts. Podbike gibt eine Reichweite von 50 bis 80 Kilometern an. in der Praxis würde ich eher vom kleineren Wert ausgehen. Serienmäßig ist ein Akku an Bord, jedoch ist Platz für einen weiteren (Aufpreis, Stand 07/2022: 699€).

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Mit diesem Frikar war ich auf Probefahrt. Man sieht schön, dass die Haube auf “Lüftung” steht: Sie ist nicht komplett geschlossen.

Frikar: Wie steigt man ein?

Nachdem die futuristische Haube nach hinten waagrecht aufgeschwungen ist, tritt man praktisch ins Velomobil ein: Das Frikar baut auf einem Sandwichboden auf, der so stabil ist, dass man sich ohne Bedenken draufstellen kann. Das macht den Einstieg erheblich bequemer. Jedoch ist das Frikar sehr tief, so dass man schon eine gewisse Grundgelenkigkeit haben sollte.

Beim Hinsetzen hält man sich an einem Griff am Tretgenerator fest, beim Aussteigen ist der Griff noch viel praktischen. Der Sitz war mit einer Ventisit-Matte gepolstert, wer Velomobil fährt, weiß, dass die durchaus Langsteckenqualitäten hat.

Wird es im Frikar nicht zu warm?

Mit den Griff beider Hände nach hinten-oben greift man zur Haube und kann sie mit wenig Kraftaufwand schließen. “Mein” Testexemplar hatte die komplett geschlossenen Haube, das war auch so gewollt. Denn was mich seit dem Bekanntwerden des Konzepts beschäftigte waren die Themen “Aufheizung im Sommer” und “Beschlagneigung bei Regen”, was besonders beim wunderschönen Go-One Velomobil ein großes Problem war. Letzteres konnte ich bei strahlendem Sonnenschein und über 30 Grad auf der Eurobike in Frankfurt gut testen, letzteres jedoch nicht.

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Ausblick aus dem Frikar aus der Sicht von Fahrerin oder Fahrer

Bei geschlossener Haube ergibt sich das Gefühl, wie in einem Segelflieger zu sitzen, man hat eine hervorragende Panorama-Sicht! Das kann man im Video an dieser Stelle sehr gut sehen.

Doch es wird auch schnell sehr warm unter dem “Glasdach”. Um eine passive Belüftung zu ermöglichen, kann die Haube in mehreren Stufen “auf Ritze” gestellt werden. Der Nachteil: Man muss sich vor Fahrtantritt entscheiden, während der Fahrt ist die Änderung nicht möglich. Während der Fahrt wird der Fahrtwind durch einen Lüftungskanal an der Innenseite der Windschutzscheibe entlang geführt – bei den Temperaturen in Frankfurt habe ich wenig davon gemerkt. Vielleicht war ich euch einfach zu langsam unterwegs.

Wenn es während der Fahrt zu warm wird, kann man mit einem Taster am linken Lenkerende einen Lüfter einschalten. Der vor dem Tretgenerator mit der Öffnung gen Scheibe montierte Lüfter bläst die Luft, je nach eingestellter Stärke, mehr oder weniger geräuschvoll unter die Scheibe.

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Lüfter des Frikar.

Der so erzeugte Luftstrom reizte meine Augen nicht, kühlte angenehm und könnte auch die Beschlagneigung bei Regen durchaus verhindern. Jedoch: Bei meinem eOrca musste ich trotz Versatile-Verdeck, und damit guter Belüftung, bei einem Sommergewitter anhalten, weil meine Brille beschlug. Ich vermute, dass das auch beim Frikar passieren könnte. Doch wird es wohl Ausnahme bleiben.

Wie wird das Frikar gelenkt?

Die Lenkung des Frikar liegt beim Einsteigen am Boden: Rechts und links des Sitzes findet man zwei Lenkerende, die man einfach zu Hand nimmt. Beide sind miteinander verbunden, so dass man auch einhändig fahren kann. Die Lenkung des Frikar erschien mir etwas indirekt, doch das ist sicher Gewöhnungssache.

An jedem Lenkerende findet man die üblichen Bremshebel, dazu am linken Ende eine Art Mikro-Joystick, mit dem man den Blinker bedienen kann. Rechts auf dem Lenkerhorn findet sich der Taster für die Klingel. Richtig gelesen: Das Frikar ist ein Fahrrad und braucht demnach eine Klingel.

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Blick ins Innere des Frikar

Die Bedienung erschließt sich nach einer kurzen Einweisung schnell. Praktischer wäre es, wenn der Sitz einhändig nach vorn geklappt werden könnte, statt dass man rechts und links einen Hebel betätigen muss. Jedoch ist der Stauraum auch über eine abschließbare Klappe von außen zugänglich, so dass man den Sitz vermutlich nicht so oft vorklappen muss, wie beispielsweise in meinem eOrca.

Wie fährt das Frikar?

“Frikar farh’n ist wie wenn du fliegst”- zumindest gilt das für den Ausblick, wie ihr hier im Video sehen könnt. Die Füße liegen in bequemer Höhe an den Pedalen an, der Sitz ist verstellbar um verschiedenen Körpergrößen (Podbike spricht von 1,50m bis 2m Körpergröße) gerecht zu werden, und die Haube ist so hoch gewölbt, das ich mit Schuhgröße 46 nicht beim Treten daran stieß. Beim Velomobil Milan ist das anders.

Beim Anfahren fühlt sich das Treten zunächst sehr schwer an. Das liegt daran, dass der Generator eine gewisse Zeit braucht um den Tretvorgang als Signal an die beiden Hinterradmotoren zu übergeben. Doch dann geht es kräftig voran – aber auch geräuschvoll. Das irritiert mich ein wenig, denn die Motoren liegen außerhalb der Kuppel – das Geräusch kommt wohl vom Riemen des Tretgenerators. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ohrenbetäubend ist das Geräusch nicht. An dieser Stelle im Video könnt ihr es im Original hören.

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Blick auf den Tretgenerator beim Frikar.

Der Antrieb des Frikar hat keine Kette, folglich auch kein Getriebe. Jedoch ist die individuelle Regelung von Kadenz (Umdrehung der Kurbel) und Belastung regelbar. Vorrang hat die Kadenz. Wenn der gewählte Wert unterschritten wird (bergauf) regelt der Antrieb die Belastung runter. Wird die Kadenz überschritten (bergab) wird die Tretbelastung erhöht.

Der Endantrieb mit E-Unterstützung des Frikar ist, gesetzeskonform, auf 25 km/h begrenzt. Jedoch kann der Tretgenerator auch weit über 25 km/h genutzt werden. Aus Sicherheitsgründen wird das Frikar bei 60 km/h eingebremst, überschüssige kinetische Energie wird in elektrische Energie umgewandelt und in die Akkus eingespeist. Durch Rückwärtstreten auch Rekuperieren und das Velomobil so bremsen.

Von beiden Werten war ich auf der Teststrecke der Eurobike weit entfernt. Leider war die Auffahrt zum Parkhaus gesperrt, so dass ich nichts zur “Bergaufperformance” des Frikar sagen kann.

Auf ebener Strecke fährt sich das Velomobil aus Norwegen nach kurzer Zeit erstaunlich handlich, bei Bedarf geht es zackig ums Eck. Die Fahrwerksabstimmung ist eher auf der sportlichen Seite. Das wird dem dynamischen Auftritt des Velomobils auch gerecht.

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Vorderradaufhängung am Podbike Frikar.

Die Bremsen waren bei der kurzen Probefahrt nicht in Verlegenheit zu bringen, die Temperaturen in der Kabine blieben, dank des Lüfters, auf gut erträglichem Niveau. Ob das auch bei 30 Kilometern Fahrtstrecke so wäre? Zum Thema “Beschlagneigung” und “Sicht bei Regen” kann ich (noch) nichts sagen.

Die Verarbeitung ist schon gut, im Rahmen der Serienfertigung wird sie sicher noch routinierter werden.

Wie groß und schwer ist das Frikar?

Podbike gibt die Länge des Frikar mit 2.300 mm an, die Breite mit 839 mm und die Höhe mit etwa 1.100 mm bis 1.500 mm (erhöht). Man kann die Spiegel einklappen, dann beträgt die Breite nur noch 84 cm – freilich muss man dafür aussteigen. Das Leergewicht beträgt, je nach Ausstattung, ca. 90 kg, das zulässige Gesamtgewicht 200 kg. 

Was kostet ein Frikar?

Preislich geht es aktuell (08/2022) mit dem Frikar bei 7.436 € (zzgl. Versandkosten) in der Standard-Version los. Richtig Spaß macht das Velomobil aber sicher erst mit der Ausstattungslinie “Plus”. Die enthält zwei Außenspiegel, den Innenraumteppich, das Innenraumlicht für Kabine und Gepäckraum, zwei seitliche Taschen, den (meiner Meinung nach) unverzichtbaren Lüfter und eine Alarmanlage.

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Rückansicht des Frikar. Gut zusehen: Abschließbarer Laderaumzugang.

So, weitgehend sinnvoll, ausstaffiert steht das Frikar mit 8.210 € (ebenfalls zzgl. Versandkosten) in der Preisliste. Zusätzlich würde ich noch den Scheibenwischer (Aufpreis: 179€) ordern, bei der großen Scheibe und nach meinen Erfahrungen mit der Leitra, meiner Meinung nach unverzichtbar.

Auf den ersten Blick ist das viel Geld, aber für ein Velomobil, dazu in dieser Qualität, nicht ungebührlich viel: Ein grob vergleichbares Quatrevelo (bisher mein Traumvelomobil) von velomobil.nl kostet ab 10.300 € – ohne E-Unterstützung!

Die ersten Vorbestellungen des Frikar sollen noch in diesem Jahr ausgeliefert werden, bis im Jahr 2023 sollen alle Vorbestellungen ausgeliefert sein. Weitere Vorbestellungen sind auf der Website von Podbike möglich.

Fazit

Ein neues Traum-Velomobil!

Das Podbike Frikar erfüllt meine Erwartungen, bis auf die Bergauf-Performance, die ich nicht testen konnte: Der Einstieg ist ähnlich bequem wie bei meinem eOrca, Sitzposition und Raumgefühl sind sogar besser. Der Stauraum beim Frikar ist durch die abschließbare Luke auch von außen gut zugänglich. Die Verarbeitung schon jetzt auf hohem Niveau.

Die Geräuschentwicklung ist anders, daran kann man sicher aber sicher gewöhnen, ebenso wie an das andere Tretgefühl. Dass das Frikar über vier statt drei Räder verfügt erhöht die Stabilität in Kurven. Das Fahrwerk ist sportlich, aber nicht über Gebühr hart abgestimmt, das Velomobil ist handlich zu fahren. Der Wetterschutz ist geschlossen genauso gut wie bei einem Auto und – durch die aufschwingende Haube, auch beim Ein- und Aussteigen besser als beim meinem Orca.


Video mit den Impressionen meiner Testfahrt mit dem Frikar auf der Eurobike 2022

Für viele wird es ein Nachteil, gar ein Sakrileg sein, dass das Fricar ohne Strom praktisch nicht gefahren werden kann. In der Praxis achtet ich beim Fahren mit dem E-Bike jedoch auf den Akkustand. Da das Frikar zudem als Pendlerfahrzeug gedacht ist, sollte das Thema Reichweite nicht den gleichen Stellenwert besitzen, als wäre es ein Reise-Velomobil. Trotzdem sollte der Aufpreis für den zweiten Akku je nach Anwendungsszenario in Betracht gezogen werden. Im übrigen kann man auch mit einem E-Velomobil reisen, wie ich selbst bewiesen habe.

Mehr Infos zum Frikar von Podbike aus Norwegen gibt es online: https://www.podbike.com/de/

[Text: [at] | Fotos: VeloStrom]

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